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HGV PRAXIS

 9 . 2016

Meinung

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Die Mischung passt einfach

Erfolgsstory: Der Sommertourismus ist auf dem richtigen Weg

Eins steht fest:

Steirerblut ist auch nicht mehr das, was es

einmal war. Nur so ist der Schrecken zu erklären, der den

Klubchef der ÖVP im Parlament, Reinhold Lopatka, erfasste,

als er in der Millionenstadt Wien ein paar verschleierten

Frauen begegnete. Unlängst sei ihm in Wien eine Gruppe

Vollverschleierter mit Kinderwägen

entgegengekommen, schilderte Lo-

patka das Erlebte im Interview mit

dem Standard. Burkaträgerinnen! In

Wien! Mit Nachwuchs! Der Politiker

war derart erschüttert, dass er vom

Thema gar nicht mehr ablassen wollte.

Vielleicht sollte man

dem Herrn

Klubobmann ein paar Urlaubstage in

Zell am See spendieren. In der Berg-

stadt kann er in Ruhe die Tagesabläufe

von hunderten Gästen arabischer Her-

kunft beobachten, die sich zur Freude

der regionalen Wirtschaft hier jeden

Sommer tummeln. Die Konfrontation

mit dem Objekt der Ängste soll ja der

erste Schritt zur Heilung von Phobien

aller Art sein. Man kann es auch weniger akademisch am Ver-

hältnis zwischen Briefträger und Hofhund festmachen: Ist der

Zaun erst weg, gibt der Kläffer Ruh.

Abgesehen von dieser ohne Not

angezettelten Debatte

um eine Nebensache dürfen die Touristiker des Landes bereits

jetzt auf einen höchst erfolgreichen Sommer zurückblicken.

Auch wenn die warmen Monate wettermäßig nicht gerade als

Jahrhundertsommer in die Annalen eingehen dürften, wurde

von Mai bis Juli mit 34,4 Millionen Nächtigungen ein Plus von

3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr erzielt. Als besonders po-

sitiv ist dabei zu vermerken, dass sich etwa der inländische

Reisemarkt auch weiter stark entwickelt: um 4,3 Prozent leg-

ten die Übernachtungen der Österreicher zu. 10,89 Millionen

Mal betteten Inländer ihr müdes Haupt auf heimische Hotel-

polster, damit nähert man sich immer mehr den Lieblings-

nachbarn an. Die Deutschen steigerten sich heuer um 6,7 Pro-

zent auf über zwölf Millionen Nächtigungen. Alleine im Juli

legte diese Gruppe um mehr als elf Prozent zu.

Die Lust der Einheimischen

sowie der Deutschen am

Sommerurlaub in Österreich kompensiert zum Teil die Aus-

fälle auf anderen Märkten: aus den Niederlanden kamen fast

neun Prozent weniger Gäste in die Alpenrepublik, die USA

schwächeln mit einem Minus von 2,5 Prozent und die Italie-

ner blieben heuer auch manchmal lieber daheim. Hier ver-

zeichnet die Statistik ein Minus von 3,4 Prozent.

Im Großen und Ganzen aber

stimmt die Richtung. Noch

vor 20 Jahren galt die Sommersaison gewissermaßen als das

Schmuddelkind des Tourismus. Während in den Wintersaiso-

nen Rekorde gefeiert wurden, zeigten damals die Nächti-

gungskurven zwischen Mai und September konsequent nach

unten. Die goldenen Zeiten, als der Sommertourismus noch bis

in die 90er Jahre um einiges stärker als der Winter war, schie-

nen endgültig vorbei.

Aber die Branche hat sich

am Riemen gerissen. Durch

das Drehen an vielen Schrauben, aber auch durch gewaltige

Investitionsanstrengungen – die nebenbei bemerkt nicht un-

erheblich zum österreichischen Wirtschaftswachstum beitru-

gen – und viele Ideen sowie Innovationen konnte die Wende

geschafft werden. Entscheidend waren dabei Maßnahmen wie

die Saisonverlängerung um mindestens zwei Monate oder die

Bemühungen, aus reinen Saisonbetrieben touristische Ganz-

jahresunternehmen zu machen. Als hilfreich erwiesen sich

auch die Abkehr vom jahrzehntelang geübten Kirchturmden-

ken, der Wille zur Zusammenarbeit und die Schaffung auch

international vermarktbarer Destinationen.

Der Erfolg ist aber ebenso

der Tatsache zu verdanken,

dass die Branche in ihren Restaurierungsbestrebungen nicht

auf ein einziges Pferd setzte, sondern eine ganze Herde bun-

ter Rösser schuf. Freizeit-Österreich kann heute der wohlsitu-

ierten Gruppe der 50plus-Gemeinde ebenso ein erstklassiges

Angebot machen wie Familien oder jungen Abenteurern und

Städtereisenden. Es stimmt der Mix, die Alpenrepublik kann

im Sommer je nach Sichtweise und Vorlieben spannend und

langweilig sein, sie kann zum gemütlichen Wandern einladen

oder zum ausschweifenden Action-Urlaub, zum kulinarischen

oder kulturellen Spitzenerlebnis oder zum All-inclusive-Spaß

für die ganze Familie.

Doch, doch, die Protagonisten der Branche,

die Un-

ternehmerinnen und Unternehmer und die hunderttausenden

Mitarbeiter beiderlei Geschlechts dürfen sich jetzt ruhig ein-

mal auf die Brust klopfen und stolz auf die Leistungen der letz-

ten Jahre sein. Vielleicht mildert der Erfolg dieses Sommers

auch ein wenig die Wut über die Grauslichkeiten, welche die

Politik der Freizeitwirtschaft in diesem Frühjahr zusätzlich

aufbürdete. Vergessen lässt es sich ohnehin nicht, dass die

Maßnahmen auch auf Veranlassung und mit Zustimmung ei-

ner Partei erfolgten, die sich, warum auch immer, als Wirt-

schaftspartei versteht.

Harald Lanzerstorfer

h.lanzerstorfer@hgvpraxis.at

Freizeit-Österreich setzt

auf eine Herde

bunter Rösser