HGVPraxis 01/2020

3 kommentar Das akademische Prekariat EineEntwicklungdreht sichgerade: Facharbeitermit abge- schlossenerLehreverdienenmehralsHochschulabsolventen. A ls mir eine junge Betriebswirtin vor einiger Zeit über ihre Tätigkeit in einer Bankfiliale erzählte, klang das schon sehr desillusioniert. Sie schloss mit den Worten: „Wenn ich das gewusst hätte ... dann wäre ich besser in der Gastro­ nomie geblieben.“ Dann folgte der Zusatz: „Was ich hier verdiene, da hab ich in der Gastro mehr Trinkgeld gemacht.“ Eine aufge­ weckte Frau, Mitte zwanzig, offen, aktiv, sympa­ thisch, kurzumwie geboren, um im Dienstleistungs­ sektor eine erfolgreiche Karriere zu absolvieren. Dieses Gespräch erinnerte mich an mein eigenes Studium, das ich „berufsbegleitend“ um die Jahr­ tausendwende absolvierte. Sämtliche Kommilito­ nen standen mit beiden Beinen im Berufsleben. Das Zitat eines Professors, der uns nach den Erwartun­ gen nach dem Studium fragte, fiel ernüchternd aus. Auf die überwiegenden Antworten nach besseren Positionen und höherem Verdienst, meinte er tro­ cken: „Ich warne Sie vor der beharrlichen Wirkung des Elendserhaltungsgesetzes.“ Schon seit Längerem bewahrheitet sich die Trend­ wende dahingehend, guten Facharbei­ tern mehr zu zahlen als FH- oder Uni- Abgängern. Nicht nur zu Recht, sondern eine logische Folge aus zweierlei Grün­ den: einem völlig ausgetrockneten Fach­ arbeitermarkt und einem teilweise er­ forderlichen Expertenwissen, das Hochschulen kaum in der Lage sind zu gewährleisten. Vorreiter sind die IT- und Technik-Branchen, in der eine betrieblich ausgebildete Fachkraft ein Lebensein­ kommen von 2,2 Millionen Euro verdient, während Hochschulabsolventen ande­ rer Branchen lediglich 1,3 Millionen erzielen, wie das Nürnberger Institut für Ar­ beitsmarkt- und Berufsforschung berechnet hat. Natürlich verzerren hier traditionell gut zahlende Branchen wie die Auto- erzeuger das Bild. Aber weshalb ein erfahrener Restaurantleiter weniger verdie­ nen soll als ein Marketingleiter im Hotel mit Bachelor-Abschluss, erschließt sich mir keineswegs. Führungspositionen in der Küche und auf der Etage detto. In diesem Zusammenhang passt eine Meldung aus Vorarlberg, die zuversicht­ lich macht. Die Lehrlingsstatistik 2019 zeigt, dass sich im Ländle 50,45 Prozent der 15-Jährigen für eine Lehre entschieden haben. Das ist die höchste Lehrlings­ quote in Österreich. An der Beschäftigungsstruktur sei zu erkennen, dass topaus­ gebildete Fachkräfte in erster Linie aus der Lehrlingsausbildung kommen, froh­ lockt die dortige Wirtschaftskammer. Jetzt ginge es nur noch darum, die Berufe in der Gastronomie und Hotellerie imagemäßig attraktiver zu machen. Axel Schimmel a.schimmel@hgvpraxis.at ichwarne sie: das elendserhaltungs- gesetz schlägt gnadenlos zu. Foto © Susi Graf

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