HGVPraxis 03/2020

3 kommentar Abstand halten, bitte nicht vor der Vernunft InZeitenderKrisefühlensichsonderbare„Experten“dazu aufgerufen, derTourismuswirtschaftRatschlägezuerteilen. D er Linzer Karikaturist Gerhard Haderer entwarf im Zuge des Wahlkampfs, an dessen Ende das Kabinett Kurz I stehen sollte, ein T-Shirt mit der Auf- schrift „ANTIBASTI“, eine schöne kulinarische Verballhornung. Im Zuge der Be- wältigung der Coronakrise, die der Regierungschef mit seinem Kabinett Kurz II nach öffentlicher Meinung ganz gut managt, sollte man vielleicht über neue T-Shirts mit dem Schrift- zug „SUPABASTI“ nachdenken. Immerhin war es die Präsentation des sogenann- ten Wirte-Pakets dem Bundeskanzler sogar wert, dazu eine eigene Pressekonferenz abzuhalten. Se- kundiert von der Tourismusministerin und demWK- Präsidenten rief der Regierungschef in die Kame- ras: „Gehen Sie ins Wirtshaus, konsumieren Sie.“ Welcher Regierungschef vor ihm hat je sein Herz für unsere Wirtshäuser so gezeigt wie der jetzige? Da muss man schon bis Wolfgang Schüssel zurück- denken, der den Tourismus zwar eher links liegen ließ, aber immerhin mal zu einer Tourismusklausur nach Obertauern bat, wenn auch ohne nennenswer- tes Ergebnis. Ansonsten gab es nur gra- vierende Schlechterstellungen in Form von bürokratischen Hürden und höheren Steuern und geringeren Absetzbeträgen. Insofern ist das Wirte-Paket mit seinen Entlastungen eine geringfügige Wieder- gutmachung an einer Branche, die kurz vor dem Kollaps steht. Das 500-Millionen-Paket in allen Ehren, aber richtige Ent- lastung sieht anders aus. Nehmen wir die Absetzbarkeit von Geschäftsessen (eingeführt von Finanzminister Lacina): Warum hat man die Absetzbarkeit nicht gleich mit vollen 100 Prozent angesetzt? Das wäre ein tolles Signal an die Fir- men, endlich wieder mehr Geschäftsessen abzuhalten. Und der Aufwand wäre geringer, jetzt muss man immer noch die 75 Prozent berechnen. Was man aber der Gastronomie und Hotellerie wirklich ersparen sollte, sind die Zurufe der sogenannten „Experten“. Einer unter ihnen dürfte der Albertina- Chef sein. In diversen Medien schwadronierte der Museumshüter davon, er ma- che den Tourismus in der Stadt. Wiens Nächtigungsexplosion sei auf die Muse- umsvielfalt zurückzuführen und nichts sonst. Solche Ezzes von Gagenkaisern, die mit mehreren Hunderttausend Euro im Jahr nach Hause gehen, sind beson- ders lässig, wenn man als Wirt und Unternehmer nicht mehr weiß, wie man den nächsten Pachtzins bezahlen soll oder als Stadthotelier in menschenleere Zim- merflure blickt. Vielleicht sollte der Manager mal ein schlaues Büchlein nutzen. Jede Studie ordnet die Attraktivität Wiens der Gastronomie zu. Axel Schimmel a.schimmel@hgvpraxis.at Volle Absetz- barkeit von Geschäftsessen. Das wäre ein signal. Foto © Susi Graf

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