HGVPraxis 01/2022

3 kommentar Ein Ausmalbuch für Erwachsene Ist uns dieRealität nichtmehr zuzutrauen? Wenn sie dann eintritt, wird es umso schmerzhafter. Glaubt man der Bücherbranche, dann sind nicht Nordic-Noir-Krimis oder amerikanische Hipster-Romane, ja nicht einmal tränenreiche Storys à la Rosamunde Pilcher, die Bestseller, sondern ganz etwas anderes: Ausmalbücher für Erwachsene. Ja, Sie haben richtig gelesen. Genau jene Bücher, die wir aus der Kindheit kennen: nur Konturen, null Text. Naturgemäß findet diese Form der „Literatur“ nur schwer Platz in Sendungen, in denen Autoren verrissen werden und die Verlage halten schön still, wenn es um die Verkaufszahlen dieses Genres geht. Psychologen erklären dieses Phänomen mit Entspannung, mit etwas Kontemplativem. Der Lustgewinn entsteht in der Erhöhung des Abstandes zur Realität. Nun ja, diese Entwicklung, diesen Trend, macht sich die Verlagsbranche nicht alleine zunutze. An allen Hebeln der Macht regiert die Tendenz, nur ja keine klare Aussage zu treffen, sondern alles und alle mit verschwurbelten Ausdrücken in Watte zu packen. Es darf etwa das Wort „Durchseuchung“ nicht ausgesprochen werden – obwohl sie längst Fakt ist –, weil, wie der Politik-Analyst Peter Filzmaier kürzlich erklärte, „den dieses Wort aussprechende Personen eine direkte Verantwortung zugeordent werden kann“. Für mich heißt das im Umkehrschluss: Jene dieses Wort nicht aussprechende Person drückt sich vor der Verantwortung, für die es aber eigentlich genau an dieser Stelle sitzt. Wenn der Wiener Bürgermeister diesbezüglich anstatt von Durchseuchung von „Durchrauschung“ spricht, hat das für mich schon wieder eine ganz eigene Qualität. Ja nicht sagen was ist, so lautet die Devise. Nicht, dass die Pandemie bisher 67 Milliarden Euro gekostet hat; nicht, dass unsere Teststrategie 3,6 Milliarden verschlang und wir trotzdem in den Euro-Top-Drei bei den Infektionen liegen. Auch der Energiebonus ist so ein Fall. Jeder Haushalt kriegt einen Gutschein in der Höhe von 150 Euro. Besserverdienende „sollen“ ihn aber nicht einlösen. Warum sagt das Ministerduo Gewessler-Brunner nicht klipp und klar: Besserverdienende kriegen keinen Gutschein. Punkt. Ich unterstelle jetzt einmal: Die Realität ist den Menschen nicht nur zumutbar, sie sehnen sich danach. Dieses „heile-Welt-Gebrabbel“, wo es hör- und sichtbar an allen Ecken knirscht und kracht, ist einfach nur lachhaft und nicht auszuhalten. „Die Wahrheit ist demMenschen zumutbar“, schrieb die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann einst. Aber, wie gesagt, hierbei handelt es sich um Literatur und kein Ausmalbuch für Erwachsene. Axel Schimmel a.schimmel@hgvpraxis.at Die Realität ist dem Menschen nicht nur zumutbar, er sehnt sich danach © Susi Graf

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