Hotel&Touristik 12/2019

ImTiroler Ötztal und im benachbarten Pitztal gärt es. Umweltschützer fordern einen sofortigen Projektstopp für den geplanten Zusammenschluss der beiden Gletscherskigebiete. D er Zankapfel ist ein bereits 2016 für die Umweltver- träglichkeitsprü- fung eingereichtes Projekt, be- stehend aus 11.200 Seiten und 700 Plänen. Vom Pitztal aus soll das Skigebiet Pitztaler Gletscher erweitert und mit demÖtztaler Gletscherskige- biet zusammengeschlossen werden. Vor Ort würde man lieber heute als morgen mit dem Bau beginnen. Im struk- turschwachen Pitztal kämpft man mit Nächtigungsrückgängen, eine junge Garde von Touri- stikern und Hoteliers erhofft sich vomProjekt einen Aufschwung. Die Pitztaler Bergbahnen sind sogar bereit, 95 Prozent der Ko- sten von 131 Millionen Euro zu schultern. Im benachbarten Ötz- tal bringt es der Chef der Söldner Bergbahnen Jakob Falkner laut der Tageszeitung der „Standard“ auf den Punkt: „Das ist eine Riesenchance, ein Traumangebot für unsere Gäste zu schaf- fen“. Gebaut werden sollen zwei 10-er Kabinenbahnen, eine 3-S- Seilbahn, ein neues Skizentrum, ein Skitunnel und 64 Hektar neue Skipisten. DerWiderstand ist heftig Kurz vor der Entscheidung im Umweltverträglichkeitsver- fahren läuft eine „Allianz der Seele der Alpen“ sehr öffentlich- keitswirksam Sturm gegen das Projekt. Alpenverein, Natur- freunde und WWF Österreich treten gemeinsam auf und fordern einen sofortigen Projektstopp. Für ÖAV-Generalsekretär Robert Renzler ist es „nicht nachvollziehbar, warum eine derartige Zerstörung der Natur in Kauf genommen wird“. Bisweilen wurde in der Kritik überzeichnet: Für die Bergstation müsste sogar ein Gipfel abgetragen werden, wurde behauptet. Die Reaktion der Befürworter erfolgte postwendend. Keine Bergspitze, son- dern eine 36 Meter hohe Gratspitze muss weichen, auch keine Kleinigkeit. Salzburger Konkurrenz Die Vehemenz, mit der gestritten wird, ist verständlich. Die einen wollen imKampf der Regionen um den ausgabefreudigen Wintergast nicht Marktanteile verlieren, die andern fühlen sich im derzeitigen Hype um die Klimakrise berufen, stand- fest zu bleiben und jegliche Erweiterung abzulehnen. Wer will es allerdings den Tirolern verdenken, Gas geben zu wol- len, wenn im benachbarten Salzburg zwei Megaprojekte in diesem Winter neu am Markt sind? Der Skicircus „Saalbach, Hinterglemm, Leo- gang, Fieberbrunn“ erweitert sich über Viehhofen hinaus bis nach Zell am See zur dortigen Schmittenhöhe. Und gleich ums Eck von Zell amSee wurde ein Generationentraumder Kapruner wahr: Ab dieser Saison ist es möglich, direkt vom Ortszentrum Kaprun von 768 Metern Höhe über dem Maiskogel in einer Perlenkette von sechs Seilbahnen zur Gipfelstation am Kitz- steinhorn in eine Höhe von 3.029 Metern zu kommen. Kosten- punkt 81 Millionen Euro. 131 Millionen in den beiden Tiroler Sei- tentälern, 81 Millionen in Kaprun – es wird sehr viel Geld in die Hand genommen, weil im Kampf um den Gast der Kuchen, sprich die Zahl der Skifahrer, nicht größer wird. Es herrscht Ver- drängungswettbewerb, Regionen und Ressorts mit dem größeren Angebot und der höheren Qualität haben in dieser Situation die besseren Karten. Genehmigungwahrscheinlich Wie wird es weitergehen? Der Zusammenschluss der Glet- scherskigebiete des Ötz-und des Pitztales wird wahrscheinlich genehmigt. Dagegen wird Einspruch erhoben, der Akt wandert zur endgültigen Entscheidung zu den obersten Instanzen in die Bundeshauptstadt nach Wien. Das kann weitere Jahre dauern. Wickel umGletscherskigebiet SR Mag. Karl Seitlinger, ehemaliger Wiener Landestourismusdirektor und Autor, beleuchtet in „Reflexionen“ aktuelle tourismuspolitische Themen. DerAutor Foto © TVB Pitztal / Zangerl Daniel, Foto Weinwurm kommentar Reflexionen 24

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