Hotel&Touristik 07-08/2020

kommentar Ausgerechnet 42 Das Wettrennen um den Inlandsgast erfolgt unkoordiniert und mit austauschbaren Inhalten. SinnvolleWerbung gibt es meist nur auf betrieblicher oder regionaler Ebene. Eines hat der Shutdown deutlich gezeigt: Der Onlineverkauf hat insbesondere im Handel neue Höhen erreicht. Kann man daraus schließen, dass Buchungsstrecke und Wertschöp- fungskette funktionierten? Nur bedingt. Online buchbar wa- ren alle Akteure nur sehr eingeschränkt. Es fiel auf, dass viele Systeme nicht mehr den E-Commerce-Standards entsprechen oder der Gast gar über die teuerste Schiene, jene der Online-Tra- vel-Agencies (OTAs) geleitet wurde. Es wurde in den letz- ten Jahren trotz europaweit groß angelegter Direktbu- chungskampagnen verab- säumt, das letzte Stück des Weges, die direkte Buchung, effizient abzubilden und durchzusetzen. Die Vertriebskanäle werden sich indes weiterentwickeln und die Provisionsaufwendun- gen weiter steigen. Die Beher- bergungsbranche, die in der Dienstleistungskette das höchste Risiko trägt, ist mit einer wachsenden Marktmacht der globalen Online-Reservierungsplattformen konfrontiert. Auf der anderen Seite funktionieren die Buchungsmöglichkeiten bei LTOs und Destinationen sehr schlecht und es bleibt – zumwie- derholten Male gesagt – unter dem Strich für die Betriebe zu wenig über. & W ie rasch eine Branche amAbgrund stehen kann, haben die letzten Monate gezeigt. Ein unerwar- teter, brutaler Dämpfer wirkt sich umgehend auf alle Wertschöpfungsbereiche aus. Der Großteil davon ist auf steigende Zahlen ausgerichtet. Die jüngste, international noch nicht überstandene Krise hat ein Buhlen um den Inlands- gast ausgelöst. Sämtliche Ebenen im Tourismusmarke- ting, von der ÖW über Länder und Destinationen bis hin zu den Verbänden und Betrieben, haben ein Wettrennen um die begehrten Gäste gestartet. Das Werbe-Feuerwerk war zu- letzt nicht zu übersehen, aber leider auch ziemlich unkoor- diniert. Zwanghaft wurden weitge- hend austauschbare Sujets und Slogans vermittelt, einzig bei den Organisationslogos kam es zu einer Abgrenzung. Der werbliche Föderalismus hat uns wieder einmal die Schwächen in unserem Tourismus- denken deutlich gemacht. Wo doch alle über Grenzöffnungen begeistert waren, wurden die Grenzen in der Inlandswerbung, trotz austauschbarer Angebote, streng eingehalten. Das Abklatschen am Berg, „es geht bergauf“, die Auferstehung einer inhaltslosen Retro-Sommerfrische, Geografie-Stundenmit dem „Wilden Westen“ und vom „Süden, der so nah ist“ – all dies grenzt schon oft an den Hilfeschrei einer Daseinsberechtigung. Dass viele Marketing-Ebenen im Inland nicht benötigt werden, sollte eigentlich schon längst bekannt sein. Bundesländer be- dürfen kaum der Werbung, sinnvoll erscheint nur eine betrieb- liche oder regionale Ansprache. Digitale Prozesse, neue Geschäftsmodelle Eine große Herausforderung ist, dass sich digitale Prozesse nur selten flexibel und einfach auf das traditionelle Geschäft und die bestehenden Strukturen übertragen lassen. Entsprechend hoch ist der Druck für LTOs und Destinationen, ihre klassischen Ge- schäftsmodelle auch kritisch zu hinterfragen und anzupassen. Schwächen imTourismusdenken Thomas Reisenzahn ist akadem. geprüfter Tourismuskaufmann, Betriebsökonom, durchlief in seiner Laufbahn alle Bereiche des Hotelgewerbes. Er war außerdem Generalsekretär der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) und ist derzeit Geschäftsführer und Gesellschafter der Prodinger Beratungsgruppe. www.prodinger.at DerAutor Foto © AKrasov - stock.adobe.com, Prodinger

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