hotel&touristik essenz 01/2022

33 Leadership Der Fachkräftemangel, beileibe kein neues Thema, hat sich durch Corona nochmals zugespitzt. Zusätzliche Effekte, wie beinahe zwei fehlende Lehrlingsjahrgänge und das Wissen um ein soziales Auffangnetz, hat viele Dienstnehmer dazu bewogen, auf andere Branchen auszuweichen. Ein leergefegter Arbeitsmarkt bedeutet aber auch, dass die Arbeitskosten steigen werden. Automatische Kollektivertragserhöhungen werden zukünftige Gehaltswünsche nicht mehr kompensieren können. Ummithalten zu können, braucht es deshalb neue Ideen und Anpassungen, vom Produkt über die Dienstleistung bis hin zur Betriebsführung. Es ist entscheidend, vorausschauend zu agieren und frühzeitig mögliche Themenfelder zu erkennen, positive Effekte zu nutzen und gleichzeitig mögliche negative Folgen abzufangen. Dabei erachten wir folgende Punkte als essenziell: Mitarbeiterführung. „„ Positives und förderndes Arbeitsklima • Teamziele, Ideenförderung, Teamevents „„ Gute und transparente Kommunikation „„ Faires Gehalt und Zusatzleistungen • Bonifikation (Impfbonus, Corona-Bonus et cetera), Mitarbeiterbeteiligung, Incentives „„ Freiraum bei der Arbeit • Klare Rahmenbedingungen schaffen „„ Work-Life-Balance • Flexible Arbeitszeitmodelle/Remote Work • Prüfung der Arbeitsbelastung „„ Aus- und Weiterbildungen (karrierefördernde Struktur) „„ Aufstiegschancen „„ Interne, offene Kommunikation „„ Budgetposten für HR und Recruiting von zwei bis drei Prozent „„ Regelmäßiges Mitarbeiter-Feedback • Befragungen/Stimmungsbarometer/ Mitarbeitergespräche/Leistungsbeurteilungen Folgende weitere Punkte sollten in künftigen Strategien berücksichtigt werden: Planungen und Budgets. Durch fehlende Mitarbeiter kommen die Betriebswirtschaften gehörig durcheinander. Insbesondere in den gewinnbringenden Hauptsaisonen sind Dienstleistungseinschränkungen durch Ressourcenknappheit fatal. Banken überprüfen zudem vertieft Dienstleistungs- und Mitarbeitereinsatzplanungen, um deren Finanzierung abzusichern. Kapazitätseinbußen durch den drastischen Mitarbeitermangel verursachen währenddessen Cash-FlowProbleme. Es müssen daher Planungen zum Einsatz kommen, die ein Worst/Real/ Best-Case-Szenario nicht nur hinsichtlich der Gästeauslastung, sondern auch vom Recruiting und von der Mitarbeiteranzahl (pro Kopf ) her darstellen können. Mitarbeitereinsatzplanung. Einsatzplanung, Zeiterfassung und Kostenmanagement sind das Gebot der Stunde. „„ Stundenbestände, Überstunden und Urlaubstage müssen digital und in Echtzeit verfügbar sein. „„ Die wöchentliche Auslastung muss in die Einsatzplanung sofort integriert werden „„ Digitaler Dienstplan, einzeln und pro Abteilung „„ Kennzahlen für den optimalen Mitarbeitereinsatz sollten zur Verfügung stehen „„ Wöchentlicher Mitarbeiter Soll-Ist-Vergleich Digitalisierung und Automatisierung. Wenn man im touristischen Umfeld von Digitalisierung hört, liest oder spricht, so ist meist die Rede von der sogenannten „Digital Guest Experience“. Digitale Technologien können jedoch schon heute nicht nur viele Hotelzimmer zumWohlfühlort machen, sondern auch die Mitarbeiter an der Rezeption, F&B und Housekeeping maßgeblich entlasten. Sie wirkt sich damit positiv auf Arbeitsbewältigung und letztendlich Mitarbeiterkosten aus. Für Hotels wird es zudem immer wichtiger, sich auf technikaffine Zielgruppen einzustellen. Dazu müssen auch die richtigen Systeme und Services genutzt werden, um die Arbeitsabläufe optimal zu gestalten und die Mitarbeiter zu entlasten. „„ Digitale Gästemappen und ConciergeTablets „„ Digitale Concierge-Systeme „„ Mobiles Extranet für Mitarbeiter (Kommunikation und Aufgabenmanagement) „„ Digitale Sprachassistenten „„ Automatisierte Anfragebeantwortung und Chatbots „„ Self-Check-in und Self-Check-iut (kontaktlos und smart) „„ Zusätzlicher Einsatz von Automaten wie Verpflegungsautomaten, Snackautomaten, Verkaufsautomaten, Warenautomaten, Kaffeeautomaten und Getränkeautomaten Flächenoptimierung imHotel. Flächen, in denen Dienstleistungen angeboten werden, gehören optimiert. Unnötige Arbeits- und Servicewege müssen reduziert werden. Keine neuen Flächen, die nur mit Dienstleistung bespielt werden können. Mitarbeiter-Service-Charge. Mitarbeiter im Tourismus müssen mit ihrer Arbeitsleistung oftmals die ausbleibende Rekrutierung anderer Kollegen auffangen. Kompensieren kann man Mitarbeitermangel und steigende Kosten nur durch höhere Preise. Für die Tourismusbeschäftigten sollte es ein steuerfreies Bedienungsgeld von fünf Prozent geben; ein sogenanntes Bedienungsgeld gab es schon einmal. Demografie. Neben der Coronakrise beeinflusst auch der demografische Wandel die Branche. Im Jahr 2021 arbeiteten 25 Prozent weniger Menschen in der Branche als im gleichen Zeitraum des Vorkrisenjahres 2019. Die Menschen werden älter und deren Anteil steigt und zugleich nimmt die absolute Bevölkerungszahl ab. Migration und Saisonnier-Kontingente können diese Entwicklung abmildern, zukünftig jedoch nicht völlig kompensieren. Bei der Einstellung von Mitarbeitern ab 50 Jahren sollten die Lohnnebenkosten dauerhaft gesenkt werden. Es bedarf in weiterer Folge einer praxisgerechten Aushilfen-Regelung, da viele Menschen einfach gerne einige Stunden im Monat arbeiten möchten. Eines ist bereits fix: Dienstleistung wird in Zukunft um einiges mehr kosten. Daran werden sich die Gäste gewöhnen müssen!  Der Autor Der akadem. geprüfte Tourismuskaufmann und BetriebsökonomThomas Reisenzahn war Generalsekretär der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) und ist derzeit Geschäftsführer und Gesellschafter der Prodinger Beratungsgruppe. t.reisenzahn@prodinger.at © Prodinger

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