hotel&touristik essenz 01/2022

41 Reiselust In Kigali, der Hauptstadt von Ruanda angekommen, spüren wir sie sofort, diese Kraft. Die Kraft der knallbunten Farben, die Kraft der breiten Lächeln, die uns empfangen. Die Hauptstadt fasziniert mit einem kräftigen Eindruck. Die Häuser der 1,2-MillionenStadt schmiegen sich an unzählige Hügel, die Sauberkeit in jedem noch so kleinen Gässchen ist unvergleichlich. Nicht zuletzt, weil Sauberkeit in Ruanda eine tiefergehende Bedeutung hat als bloß äußere Schönheit. Sauberkeit steht hier für den sauberen Schnitt mit der Vergangenheit. Sie steht für einen sauberen Anfang in eine gemeinsame Zukunft. Jeden letzten Samstag imMonat gehen alle Einwohner auf die Straßen und räumen gemeinsam auf – das Resultat lässt sich sehen und spüren. 28 Jahre liegt der Genozid in Ruanda nun zurück. Um die wahre Kraft des Landes zu spüren, sollte jede Reise im „Kigali Genocide Memorial“ beginnen. Leicht und angenehm ist der circa zweistündige Rundgang nicht, ganz imGegenteil. Allerdings, auch wenn er viel Kraft erfordert, gibt er noch mehr Kraft zurück. Denn die Gedenkstätte ist zweifellos ein Platz unaussprechlicher Schmerzen und Schrecken, aber noch viel mehr ein Platz der Heilung und Vergebung. Wie viel Kraft es wohl erfordert, eine Nation über Generationen hinweg zu heilen, einander zur Vergebung zu verhelfen und schließlich vereint in eine positive, gemeinsame Zukunft zu blicken – das übersteigt unsere Vorstellungskraft. Daher, wenn wir Ruanda mit einem Wort beschreiben müssten, so wäre dieses Wort: Kraftplatz. Durch ein paar Tränen sauber gewaschen und wachgerüttelt durch das Erlebnis, sind wir nun startklar und motivierter als je zuvor, das Hier und Jetzt zu genießen und Ruanda in seiner ganzen Pracht zu erkunden. Die perfekt ausgebaute Landstraße führt von Kigali durch eine herrlich-sattgrüne Hügellandschaft Richtung Westen – das Grün wechselt sich mit der glitzernd roten Erde in einem herzschlagartigen Rhythmus ab. Mit glitzernden Augen voller Dankbarkeit geben wir der Anziehungskraft nach und lassen uns verzaubern. Das Gefühl der Dankbarkeit steigt exponentiell, als wir unser Ziel erreichen – die Bisate Lodge beim Volcanoes National Park mit seinen fünf, bis zu 4.507 Meter hohen Vulkanen. Manmuss ganz genau hinschauen, um zu erkennen, dass man angekommen ist, denn auf den ersten Blick sieht man bloß einen der unzähligen Hügel. Saftig grün, wild, naturbelassen. So naturnahe erlebt man Luxus kaum sonst irgendwo: die sechs exklusiven Unterkünfte der Bisate Lodge passen sich perfekt der Landschaft an, wie riesige Nester sind sie zwischen den Bäumen eingebettet. Mit einemMojito in der Hand verabschieden wir uns von der Sonne, die sichmit der Nebeldecke des Bisoke-Vulkangipfels zudeckt und dahinter verschwindet. Aus den umliegenden Dörfern dringt herzerwärmendes Kinderlachen zu uns herauf. Und irgendwo da draußen imRegenwald, gar nicht weit von uns, hat sich der eigentliche Anlass unserer Reise wohl gerade zur Nachtruhe begeben. Auf Deutsch übersetzt bedeutet Amahoro Frieden. Was Frieden wiederum bedeutet, das übersetzt für uns heute jene Berggorilla-Familie, die stolz diesen Namen trägt und die wir besuchen dürfen. Der Volcanoes National Park ist das Zuhause von zwölf Berggorilla-Familien. Nach einem ausführlichen Briefing und einer durchaus matschigen Wanderung durch den dichten Regenwald ist es plötzlich soweit. Nur wenige Meter entfernt, in Stille und Dankbarkeit versunken, lassen wir uns von den Tieren beibringen, was Frieden wirklich bedeutet. Frieden bedeutet nicht die Abwesenheit von „Konflikten“. Bei den Teenagern der Familie „Mit glitzernden Augen voller Dankbarkeit geben wir der Anziehungskraft nach und lassen uns verzaubern.“

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