hotel&touristik essenz 01/2022

50 schlussworte n.vejnoska@manstein.at traveller-online.at „Dann doch lieber in mich selbst investieren und den Geldwert in einen emotionalen umwandeln.“ Nadine Vejnoska, Redakteurin hotel & touristik essenz Der doppelte Wert Ein Grundstück am Stadtrand von Wien. Gebaut wird am Wochenende. Das neue Haus bietet genug Platz. Dazu zwei Kinder und ein großer Garten. Im Winter geht es in die Berge zum Skifahren, im Sommer wird eine etwas weiter entfernte Destination ausgewählt. Er war Baumeister, sie Schneiderin. Geldsorgen gibt es dennoch keine. Münzt man das Leben meiner Großeltern auf die heutige Zeit, klingen derartige Investitionen ohne entsprechende utopische Gehälter kaum realisierbar. Dabei war der Hausbau inklusive jährlichen Urlauben für die damaligen Verhältnisse kaum etwas Besonderes. Die Preise fürs Wohnen, Leben und Urlauben sind heute kaum vergleichbar. Alleine bei den Wohnungs- und Grundstückspreisen möchte man fast in Ohnmacht fallen. Die Inflation tut ihr Übriges. Der Speckgürtel rund um Wien ist nicht umsonst begehrtes Siedlungsgebiet, doch die Coronakrise treibt die Preise noch einmal auf die Spitze. Wer sich hier ausnehmen lassen will oder mit wenigen Quadratmetern schon zufrieden ist, dem stehen gierige Investoren schnell zur Seite. Mein Bausparer mit 1,15 % Zinsen für sieben Jahre kommt hier nicht einmal gegen den Wertverfall für besagten Zeitraum an. Mit dem angebotenen Kredit kann ich mir ein halbes Haus kaufen, oder ein Viertel Grund mit einem Zelt. Je weiter man von Wien entfernt sucht, desto erschwinglicher werden die Preise – wenn man sich in gemütlichen Ortschaften wie Opponitz oder Loich niederlassen will. Obwohl die Idylle am Land gar nicht so schlecht klingt. Ein wenig Ruhe, eine traumhafte Umgebung, um Kinder großzuziehen, ein eigener Grund mit viel Platz für den langersehnten Gemüsegarten, angenehme Temperaturen im Sommer – ich muss mich nur noch an den Gedanken gewöhnen, ein bis zwei Stunden nach Wien in die Arbeit zu pendeln. Für mich wird der Traum vom Eigenheim damit auf jeden Fall vorerst einmal ein wenig nach hinten verschoben. Dann doch lieber in mich selbst investieren und den Geldwert in einen emotionalen umwandeln. Die Grundstückspreise mögen für mich unerreichbar sein, doch Erinnerungen und Erlebnisse sind unbezahlbar – und gleichzeitig dennoch leistbar. So trete ich im Sommer jedenfalls den Urlaub im Stile meiner Großeltern an. Ein weit entferntes Ziel soll es sein, das die letzten zwei Jahre im liebenswerten und absolut als Urlaubsziel zu empfehlenden, aber dennoch vorgartennahen Heimatland ausgleicht. Österreich hat viel zu bieten, doch mit Blick auf meine Weltkarte zum Aufrubbeln ist es nur stecknadelkopfgroß. So viele Felder sind nicht nur sprichwörtlich „weiße“ Flecken und wollen mit Farbe, Erinnerungen, Gerüchen und Geschmäckern gefüllt werden. Vielleicht zieht es mich diesen Sommer nach Nordamerika oder Australien. Oder doch lieber Asien? Reisebeschränkungen fallen stetig, Geimpften steht die Welt offen und Tests sind nur mehr geringfügig eine Hürde. Mit Abstand rücken wir wieder näher zusammen und das fühlt sich richtig gut an. Wenigstens das muss man sich leisten dürfen. Jung gedacht © Sabine Klimpt

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