hotel&touristik essenz 02/2022

32 Im zweiten Pandemiejahr 2021 gab es für Wien ein erfreuliches Plus bei den Nächtigungen, aber noch dynamischer sind die Netto-Nächtigungsumsätze gestiegen. Was sind Ihre Rückschlüsse? Wir waren zugegebenermaßen erstaunt, dass die Preise in Wien kaum nachgelassen haben. Die ADR (Anm.: Average Daily Rate) hat sich im europäischen Vergleich sehr gut gehalten. Die frühere Wiener „Krankheit“, dass die Preise sofort runtergehen, wenn irgendwas irgendwo passiert, ist ausgeblieben. Das Fünf-Stern-Segment war so stabil, dass andere Kategorien nicht unter Zugzwang kamen. Es gibt eine Besinnung auf die Qualität des Produkts und dass man nicht unter ein gewisses Niveau geht. Nivelliert sich also gerade das vielbeklagte Preisniveau Wiens nachhaltig nach oben? Ich glaube, es wird mittelfristig nach oben gehen, aber in allen europäischen Städten. Wir werden noch dazu – aufgrund der Ereignisse in der Ukraine und der durch die Pandemie gestörten Lieferketten – eine höhere Inflation vorfinden und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern höhere Gehälter auszahlen müssen. Die höheren Kosten werden mittelfristig – nicht unmittelbar – eingepreist. Kleinere Hotels und Pensionen sperren zu, Privatzimmervermieter lassen es sein, gleichzeitig investieren bekannte Marken in den Standort Wien. Ist dieser Umbruch der Hotellandschaft eine „normale“ Entwicklung einer erfolgreichen Stadt? Die Dynamik hat sich beschleunigt. Wir haben schon vor der Pandemie eine Tendenz zu weniger Betrieben mit mehr Betten beobachtet, was betriebswirtschaftlich sinnvoll ist. Ich schaue mir regelmäßig Hotels an, es gibt einen großen Investitionsboom. Die Flucht des Kapitals aus der Stadt gibt es nicht – im Gegenteil. Ende 2023 werden wir wieder das Bettenniveau von 2019 vorfinden, aber mit deutlich besserem Inventar. Diesen großen Investitionsschub brauchen wir, denn geben wir uns keinen Illusionen hin: Nach der Pandemie wird der Kampf um den Gast heftig geführt. Den geborgten Gast gibt es nicht mehr. Mit Mogelpackungen in der Qualität kommt niemand mehr durch. Der MICE-Sektor darf sich auf Vorbuchungen für die kommenden Jahre freuen. Ein Zeichen, dass Wien als Kongressstadt noch immer hervorragend funktioniert? Ja. Die inmitten der Pandemie getroffene Annahme, dass das Comeback von Liveevents Qualität statt Mogelpackungen Von Thomas Schweighofer Der Städtetourismus schippert durch raue See. Welche Segel Wien setzt und warum die Sonne am Firmament aufgeht, erklärt Tourismusdirektor Norbert Kettner. Wien trifft die richtigen Noten

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