hotel&touristik essenz 02/2022

33 KlaRe Rede gelingt, teile ich jetzt mit einer deutlich größeren Überzeugung. Ich hatte ja schon die Hoffnung, tief in mir drinnen, weil es auf der Erfahrung aus der Finanzkrise 2009 beruht, als vieles schnell wieder zurückkehrte. Darüber habe ich mit niemanden geredet, ich wollte nicht wie ein alter Zausel klingen, der von Sachen von früher fabuliert (lacht). Der Kongress mit 30.000 Teilnehmern wird noch länger ausbleiben, da gibt es psychologische Barrieren, aber das Comeback der Kongresse gelingt. Was sehr gut funktioniert, ist der Vienna Meeting Fund. Dass nicht nur Kongresse, sondern auch Corporate Meetings gefördert werden, war die Innovation. Da sind wir dem langwährenden Wunsch der Branche gefolgt. Das spiegelt sich auch in unserem Vienna Convention Bureau wider: Heute betreuen ein Team Associations und ein Team Corporate die unterschiedlichen Segmente. Das regionale Tourismus Satellitenkonto weist für Wien enorme Wertschöpfungseffekte aus, die über die Stadtgrenzen hinauswirkt. Für 2018 heißt das: Ein Fünftel (rund 20 Prozent) der gesamten touristischen Wertschöpfung in Österreich kommt aus Wien. Das ist Platz zwei hinter Tirol. Stärkt das die Position gegenüber den Entscheidungsträgern auch für künftige Projekte? (lacht) Ich glaub eher, dass bei manchen diese Klarheit der Zahlen für – neutral gesagt – Überraschung gesorgt hat. Man kann nicht mehr so tun als ob der Städtetourismus – und da spreche ich nicht nur für Wien – nur ein Nebenschauplatz wäre. Im Gegensatz zumWintertourismus? In der öffentlichen Diskussion scheint es nur Skifahren zu geben. Das ist wichtig und mir ist die Bedeutung des Wintertourismus in den Bundesländern vollkommen bewusst, weil dort der ungleich höhere Anteil am Bruttoregionalprodukt eine Rolle spielt – aber die öffentliche Diskussion ist aus dem Lot. BeimThema Arbeitskräfte gereicht es uns umgekehrt zumNachteil, dass der Tourismusanteil mit 4,8 Prozent am lokalen BIP ein relativ geringer ist, weil es so viele andere starke Wirtschaftsbereiche gibt, die schon boomen und wohin Arbeitskräfte abwandern. Tausende Vollzeitarbeitsplätze im Tourismus sind es weniger als vor der Krise, die kommen schwer zurück. Da wird man Bemühungen setzen müssen. Hat die Krise auch an Airbnb und Co genagt? Bei Privatvermietern verzeichnen wir 50 Prozent Minus. Eine Wohnung kann ich schließlich schneller vomMarkt nehmen als ein Hotel. Wien ist in einemNetzwerk von Städten, die sich die touristische Kurzzeitvermietung ganz genau anschauen. Da gibt es einen regelmäßigen Austausch und dazu kommen einige spannende Entscheidungen der europäischen Gerichte. In Wien gab es die Änderung der Bauordnung, wo Kurzzeitvermietung in bestimmten Wohngegenden nicht mehr möglich ist. Insgesamt ist es wie so oft: Die Dosis macht das Gift. Der Markt verlangt nach Nächtigungsmöglichkeiten in Apartments. Für Familien zum Beispiel ist das ein legitimes Angebot. Aber wenn ganze Zinshäuser und Genossenschaftshäuser peu à peu in touristische Kurzzeitvermietung übergehen, ist das eine Fehlentwicklung, ein No-Go. Verlieren diese klassischen Bauten ihren Charakter, verliert das ganze Grätzel. Von uns gibt es für solche Entwicklungen keine Unterstützung. Das ist die Aufgabe der Politik, entgegenzuwirken? Wir brauchen den Gesetzgeber und die Zivilgesellschaft. Die Zeiten des „High“ des Städtetourismus sind vorbei, in denen in manchen europäischen Städten gesagt wurde: „Wir brauchen die behäbige, lokale Politik überhaupt nicht mehr, wir sind Superstars mit zweistelligen Wachstumsraten.“ Die Mär des Städtetourismus als isolierte Erfolgsgeschichte der Supermanager im Tourismus funktioniert nicht mehr. Haben sich durch die Pandemie die Ansprüche und Wünsche der Gäste verändert – abgesehen von Abstand, Hygiene und Sicherheit? Wir hatten vor der Pandemie ein ziemlich kongruentes Bild von den Ansprüchen an die Destination und den Gästen selbst. Für drei Viertel ist die Hauptmotivation einer Wienreise Kultur. Was nicht heißt, dass sie auch vollumfänglich konsumiert wird. Doch der Nimbus, womit ich die Reise bei meinen Freunden argumentiere, ist die Kultur. Das Gästesegment ist, soweit wir das beurteilen können, nach wie vor kongruent. Für bestimmte problematische Gruppen gilt Wien als zu langweilig, deshalb waren die Themen Unbalanced Tourism oder Verhalten in der Stadt bei uns nie so ein großes Thema wie anderswo. Die Sauftouristen fehlen, ein großer Schaden ist das nicht? Die kommen einfach nicht. Wien ist nicht günstig genug und das Image ist trotz einer anderen Realität zu konservativ. Das ist ganz okay. Ich halte „konservativ“ nicht für erstrebenswert, man muss fortschrittlich und innovativ, aber gleichzeitig seinen Werten treu bleiben. Diese Gemengelage ist ein Schutzschild vor gewissen Auswüchsen. © Wientourismus/Peter Rigaud, Österreich Werbung/Daniel-Ordelt „Nach der Pandemie wird der Kampf um den Gast heftig geführt. Den geborgten Gast gibt es nicht mehr.“

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