hotel&touristik essenz 03/2022

29 Bunte Vielfalt Was sorgt für Identität? Und was sagt dieses Wort eigentlich aus? Ein etymologisches Wörterbuch verrät, es geht sinngemäß um die Summe an „Eigentümlichkeiten“ oder Merkmale, die für Unterscheidung sorgen und für Einzelne oder Gruppen als wesentlich erachtet werden. Ich selbst bin in der Steiermark geboren, dort aufgewachsen, lebe aber beruflich und familiär bedingt seit Jahrzehnten in anderen Bundesländern. Fragt mich jemand, bist du Steirer, antworte ich trotzdem immer mit ja – auch wenn die Frage eigentlich so einfach nicht zu beantworten ist. Die Kindheit prägt: Wo man ist und wie man rund um einen spricht, bestimmen mit, wie man wird. In meinen Kindheitserinnerungen gestöbert fiel mir auf, es war eigentlich immer da, das Grüne Herz: gemalt, plakatiert, gedruckt, gepickt, am Revers platziert, egal in welcher Art und Weise. Die schöne Farbe, der schwungvolle Schriftzug und die Herzform ziehen einen in ihren Bann. So einfach und doch so gut. Dabei standen zu Beginn Ecken und Kanten. Anfang der 1970er beauftragte die Fremdenverkehrsdirektion den Künstler Helmut Gross, sich eine Botschaft zu überlegen. Das Ergebnis war „Steiermark die grüne Ecke Österreichs“. Der Gedanke dahinter war, die Steiermark als besonders gemütlicher Ort, eben eine Ecke, in die man sich gerne zurückzieht. Das Bauchgefühl sagte bald, das passt nur hatschert zusammen. „Und da die Steirer ohnehin seit Jahren schon mit Lebkuchenherzen für die Steiermark warben, war der berühmte Slogan rasch geboren. Helmut Gross verpackte ihn mit kräftigem Schriftzug in ein polsterweiches Herz in Grün und schuf damit ein steirisches Symbol, auf das er sein Leben lang stolz war“, schrieb die deutsch-österreichische Kulturwissenschaftlerin Eva Kreissl, die zur Entstehungsgeschichte des Grünen Herzes geforscht hatte. Der Siegeszug gelang mit demGrüne-HerzPickerl – 1972 als Werbemedium noch recht neu, aber spätestens mit dem Erfolg der beliebten Pril-Spülmittel-Pickerln ein werbliches Muss – und vielen patriotischen Steirer:innen, die dafür sorgten, dass das Herz hinaus in die Welt flog. „Das Grüne Herz wird seit 50 Jahren gehegt und gepflegt und immer wieder mit neuen Inhalten aufgeladen“, fasst Erich Neuhold, Geschäftsführer des Steiermark Tourismus, imGespräch mit hotel & touristik essenz zusammen. Neun von zehn Österreicher:innen kennen laut Befragungen das Symbol und bringen es mit der Steiermark in Verbindung. Auch auf den Märkten, die der Steiermark Tourismus intensiv betreut, hat es seinen Platz in der Wahrnehmung. Dieser Markenerfolg ist der Beweis, „dass sich Konsequenz lohnt. Man muss nicht jedem neuen Trend folgen, sondern bei funktionierender Positionierung über Jahre dranbleiben“, ist Neuhold überzeugt. Heute gehört das Herz zur Steiermark wie der Panther zumWappen, auch wenn es zwischendurch einmal etwas in Vergessenheit geriet, 2001/02 sogar ganz kurz verschwunden oder am Logo mehr schlecht als recht Hand angelegt worden war. „In Summe hat man sich immer darauf besonnen, weil es eine so ein sympathische und positiv besetzte Marke ist. Auch wenn sich die Kommunikation und deren Mittel natürlich verändert haben, der Kern der Marke blieb über die Jahrzehnte ähnlich und lässt sich kurz so zusammenfassen: Die Steiermark schmeckt gut und tut gut“, so der Steiermark Tourismus-Chef. Zuletzt wurde das Grüne Herz 2016 adaptiert, der Schriftzug wurde von einigen Schnörkeln behutsam befreit sowie um eine Illustration ergänzt und den digitalen Erfordernissen angepasst. Im Jubiläumsjahr gibt es zahlreiche Aktionen und Initiativen. Besonders rührig sind die Herzgeschichten von 50 Steirer:innen, die über ihre Heimat ihr Herz ausschütten oder wertvolle Tipps liefern – darunter etwa Johann Lafer mit seinem Striezel-Rezept. Nachzulesen sind diese Geschichten auf der Landingpage www.steiermark.com/Gruenes-Herz, die auch über alle Aktivitäten im Jubiläumsjahr informiert, die auch Köstlichkeiten wie eine neue Schokoladenkreation von Josef Zotter oder drei Herz-Jubiläumsweine gemeinsammit Wein Steiermark hervorbringt. Apropos Jubiläum: Im Jahr 2022 feiern auch die Planaibahnen, die Therme Loipersdorf und Urlaub am Bauernhof ein halbes Jahrhundert. In der Kommunikation nimmt man sich gegenseitig mit, betont Erich Neuhold. Zusammenarbeit wird in der Steiermark nämlich großgeschrieben, nicht erst seit der großen Strukturreform imOktober des Vorjahrs. Die Zahl der touristischen Organisationen wurde deutlich reduziert, von bislang neun Tourismusregionalverbänden und 96 Tourismusverbänden – die fünf kleinsten der steirischen Tourismusverbände hatten zusammen ein Jahresbudget von lediglich 20.000 Euro (!) – zu elf Erlebnisräumen. „Ich ziehe meinen Hut vor der Landesrätin, die diese mutige Entscheidung getroffen hat“, so Neuhold zur Strukturreform. Arnold Oberacher von der Tourismusberatungsfirma Conos, der das Land bei der Strukturreform beraten hat, ergänzt: „Eine Marke sticht in der Informationsflut (des Informationszeitalters) nur durch eine klare Botschaft und eine saubere Ordnungsstruktur heraus. Ich stelle mir hierzu gerne ein Geschäft vor, zum Beispiel das Geschäft ‚Steiermark‘. Wenn ich nun als Kunde das Geschäft betrete und wahllos verteilt 96Themenecken mit unterschiedlichen Angeboten vorfinde – das überfordert. Wenn hingegen elf saubere und aufgeräumte Regale ihre Produkte zeigen, dann ist das einfacher und übersichtlicher.“ Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, es gilt noch Ängste und Befürchtungen bei manchen Touristiker:innen mit Taten zu zerstreuen. Etwa, dass Erfolge, die in den davor kleineren Organisationseinheiten erarbeitet wurden, nicht verloren gehen. Produkte wie die Steirische Apfelstraße oder das Schilcherland werden auch weiterhin ihre Berechtigung haben und innerhalb der jeweiligen Erlebnisregion gepflegt. Neuhold: „Und die Menschen, die sich ehrenamtlich dafür engagiert haben, müssen weiter zur Mitarbeit begeistert werden. In der Markenpositionierung der neuen Regionen und der Bindung des Know-how der Mitarbeiter gibt es noch viel zu tun.“ Von der Identität zur Authentizität. Ob nun neue Struktur oder bekannte Marke: All das hat nur dann die erwünschte Wirkung in der Gästebegeisterung, wenn das Erlebnis vor Ort zur erzählten Geschichte passt. „Das ist unser Vorteil, denn die Steirer:innen sind gute Gastgeber. Ungekünstelt und echt. Dafür steht das Grüne Herz: neben demWaldreichtum, der Nachhaltigkeit auch für die Herzlichkeit der Gastgeber. Auf das bin ich sehr stolz“, betont der Steiermark TourismusChef.  „Das ist unser Vorteil, die Steirer:innen sind gute Gastgeber. ­ Ungekünstelt und echt. “ Erich Neuhold, Steiermark Tourismus

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