hotel&touristik essenz 03/2022

editorial © Sabine Klimpt Leisten wir uns die Dienstleistung Noch nie war dasThema Arbeitswelten so drängend wie jetzt. Der Branche fehlen laut ÖHV aktuell bis zu 25.000Mitarbeiter:innen, zumindest 15.000 offene Stellen warenMitte Mai ausgeschrieben, berichtet das AMS. Über die gesamte Kernsaison des Sommers betrachtet könnten es rund 35.000 fehlende Kräfte sein. Die beiden Pandemiejahre haben zudeman der Lehrlingsausbildung genagt: Rund 6.900 Lehrlinge waren im Vorjahr in einer Lehrausbildung in der Tourismus und Freizeitwirtschaft, um2.000 weniger als 2019. Vor 20 Jahren waren es noch 13.300 Lehrlingemit einemAnteil von 11,2 Prozent an allen Lehrlingen. Zuletzt lag der Anteil bei 6,4 Prozent. Der Blick in die Zukunft sorgt für Bauchweh, der demografischeWandel wird die Lage amArbeitsmarkt nämlich für alle Branchen nochmals verschärfen. 2030 fehlen rund 200.000 und 2050 zwischen 400.000 und 500.000 Arbeitskräfte. Nur mehr wenige Betriebe wirtschaften und planen ohne große Sorgen. Jedes dritte Hotel muss seinen Leistungsumfang reduzieren, jedes fünfte könnte schließen. 18 Prozent hinterfragten ihr Geschäftsmodell und 23 Prozent lagern Prozesse aus, weil Mitarbeiter:innen fehlen. Denn die wenigsten Betriebe können, wie der Wirt des Restaurants Francobolli in St. Jakob imRosental, für den Posten einer Barkraft ein Gehalt von 3.200 Euro netto bieten. Da kann die Gewerkschaft noch so jubeln, das geht sich großteils leider nicht aus. Und die wenigsten können, wie Irene Schillinger von der veganen Burgerrestaurantkette amSymposium unseres Schwestermagazins HGV PRAXIS erzählte, ungelernteMitarbeiter:innen gewinnen, die nach drei Tagen Schulung in Dienst gehen. DemKonzept der Systemgastronomie sei Dank. ÖHV-Präsident Walter Veit verlangt richtigerweise endlich eine echte, spürbare Entlastung der Arbeit, die Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen gleichermaßen hilft. Momentan sei es so, dass „wir Dienstleister bestraft werden, weil wir Dienst amGast leisten wollen“, sagte der Hotelier aus Obertauern auf der Bühne des ÖHV-Kongresses. Ohne klare Haltung als Arbeitgeber:in auf allen Ebenen – und sich selbst an der Nase nehmen, wie gut man mit der eigenen Verantwortung umgeht –, läuft es heute nirgends mehr. Vor allem für Frauen war es immer schon schwer und ist es leider heute noch, Familie und Beruf unter einenHut zu bringen. Martha Schultz ist eine bewundernswerte Unternehmerin und Interessenvertreterin, die seit Jahrzehnten für bessere Bedingungen, Frauenkarrieren undmehr Fairness kämpft. Für die Coverstory in dieser Ausgabe habe ichmich mit ihr auf ein interessantes GEHspräch begeben (ab Seite 6). Auch die neue Tourismusstaatsekretärin Susanne Kraus-Winkler ist eine hochkompetente Praktikerin und weiß genau, wo der Schuh drückt. Dass die Tourismusagenden ins Arbeits- und Wirtschaftsministeriumwandern, ist bei den aktuellenHerausforderungen sicher ein Vorteil. Drücken wir die Daumen, dass Kraus-Winkler dieWerkzeuge und Kompetenzen in ihre Hände gelegt werden, um zu gestalten. Für ihre Aufgaben wünsche ich ihr viel kreative Kraft – und einen Finanzminister, der zuhört und versteht. Viel Lesefreude mit dieser Ausgabe wünscht Chefredakteur t.schweighofer@manstein.at, stammgast.online

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