hotel&touristik essenz 04/2022

29 Wir müssen reden Frau Seiler, herzliche Gratulation zur neuen Funktion. Mit wie viel Freude und Demut vor der Größe der Aufgabe sind Sie die ersten Wochen angegangen? Eine meiner Stärken ist, Aufgaben in einem Unternehmen zu erkennen und Strukturen zu optimieren. Bei Innsbruck Tourismus – den Job habe ich sehr gerne gemocht und gemacht – habe ich Strukturen umgebaut und viel erreicht. Die Aufgabe bei der Tirol Werbung reizt mich, weil ich schon bei den Jobinterviews gemerkt habe, dass es Interesse für Veränderung gibt. Ich gestalte gerne, ob nun in der Zusammenarbeit mit Stakeholdern, Tourismusverbänden oder auch im Unternehmen. Das war meine Motivation, mich zu bewerben. Die Aufgabe gehe ich mit viel Demut an, gerade in diesen Zeiten der Unsicherheit. Weil ich weiß, wie es den Betrieben geht und dass der Fachkräftemangel uns noch viele Jahre begleiten wird. Ich bin stolz auf unsere Tourismusunternehmen, wie sie die Herausforderungen managen, wieder investieren, nach vorne schauen – das pusht mich, weil wir alle gemeinsam an den Tourismus glauben. Veränderung und Resilienz haben Sie angesprochen. Wie soll sich die Tirol Werbung verändern oder besser gesagt weiterentwickeln? Da bin ich noch zu kurz dabei, um konkrete Ansagen machen zu können. Was ich aber auf jeden Fall bewegen möchte, ist, viel besser zu eruieren, welche Aufgaben wir übernehmen sollen und welche die Tourismusverbände. Ich möchte vermeiden, dass wir parallel arbeiten, sondern intelligent steuern, wer welche Rollen einnimmt. Zum Beispiel, was könnte ein größerer Tourismusverband für mehrere Verbände bewältigen? Und konkret bei der Tirol Werbung wird geprüft, was aus der Tourismusstrategie Tiroler Weg in den nächsten Jahren zu realisieren ist, welche Aufgaben, Projekte und Strukturen wir dafür forcieren müssen und was wir reduzieren können. Man wird also hinterfragen, ob gewisse Dinge noch zeitgemäß sind? Ein Beispiel: Die Tirol Werbung beschäftigt sich auch mit Produktentwicklung. Da stellt sich die Frage, ob das die Verbände nicht eh schon gut machen; eher mal etwas sein lassen, auch wenn wir es schon 20 Jahre gemacht haben, weil es keinen Mehrwert bietet. Stattdessen forcieren wir lieber eine Bewerbung für Fachkräfte, was früher kein Thema für die Tirol Werbung war. Wie kann so eine Fachkräftewerbung aussehen? Die Handlungsfelder und wer was macht – AMS, Wirtschaftskammer, Agenturen, das Land Tirol, die Standortagentur Tirol und eben die Tirol Werbung – werden noch erarbeitet. Es ist noch nicht ganz klar, ob es eine eigene Plattform braucht oder ob wir auf anderen Plattformen den Standort Tirol bewerben. Wir wollen aber sicherlich kein Headhunter werden. Wie wichtig werden Gäste aus Österreich und Tirol selbst künftig sein in der Marketingarbeit bzw. für den Tiroler Tourismus generell? Die Tiroler haben zuletzt deutlich zugelegt, unter den österreichischen Gästen sind sie gemessen an den Ankünften die Spitzenreiter, gefolgt vonWien und Oberösterreich. ImWinter tragen die SnowCard Tirol als Eintrittskarte zu über 90 Skigebieten in Tirol und andere Kartenverbünde viel dazu bei, auch die Nächtigungen zu heben. In der Tirol Werbung haben wir nun eine eigene Mitarbeiterin, die für den Tiroler Markt verantwortlich zeichnet. Der Marktanteil der Gäste aus Österreich im Sommer betrug 2019 zehn Prozent, 2021 waren es schon zwölf Prozent – Tendenz steigend. Da werden wird dranbleiben. Man darf aber nicht vergessen, dass mit Corona sehr flexible Stornobedingungen auch in der Ferienhotellerie Einzug gehalten haben. Das kann je nachWetterlage zu kurzfristigen Planänderungen führen, weil die Gäste dann lieber in den Süden fahren. Die Nahmärkte waren immer schon und besonders in den letzten Jahren sehr wichtig. Ist jetzt die Zeit gekommen, den Radius in der Marktbearbeitung wieder etwas auszuweiten? Wir haben unsere Aktivitäten in den Fernmärkten, aber auch in Großbritannien oder Polen, nie gänzlich abgebrochen. Wobei Großbritannien oder Polen eher Wintermärkte sind. Bei den Überseemärkten und vor allem Asien wird das Comeback noch länger dauern. Da arbeiten wir aber eng zusammen mit der Österreich Werbung, Innsbruck Tourismus und all jenen Verbänden, die auf diesen Märkten aktiv sind. Was können Sie mitnehmen von Ihrer letzten Tätigkeit als Geschäftsführerin von Innsbruck Tourismus? Welche Erfahrungswerte aus dem Städtetourismus helfen Ihnen in der Tirol Werbung? Erstens, dass die Arbeit bei Innsbruck Tourismus teilweise auch sehr politisch war, nicht nur wegen der Stadt selbst, sondern auch den 40 Umlandgemeinden. Verhandlungsgeschick mit Vertretern von Bergbahnen, Freizeitanbietern, aber vor allemmit Bürgermeistern habe ich dabei gut üben können. Ein zweiter Vorteil ist, dass ich den Betrieben sehr nah war und ihre Bedürfnisse kenne und somit Einblick gewonnen habe. Ein dritter Vorteil ist die Vielfältigkeit der Region Innsbruck: Kongress, Feriengäste, internationales Publikum, Top-Wellnesshotellerie, Golfregion, ein Skiresort. Vor Corona sagte ich immer, aufgrund der Vielfalt kann uns nie etwas passieren. Wenn ein Geschäftsfeld wegbricht, geht es uns immer noch gut … (schmunzelt). Die Worte „Qualität vor Quantität“ sind zuletzt immer öfter gefallen, vor allem auch von der hohen Politik. Welche Rolle nimmt die Tirol Werbung ein, um dieses Ziel zu erreichen? Zunächst einmal geht es um die direkte Qualität in den Betrieben – Stichwörter Steigerung des Preises, Wertschöpfung, Ganzjahresdestination. Mein Ziel ist ganz klar, dass der Sommer im Vergleich zumWinter – der soll nicht weniger werden – nachzieht und wir auf einen Anteil von jeweils 50 Prozent bei den Nächtigungen kommen (Anm.: im letzten vollständigen Tourismusjahr 2018/19 war die Aufteilung bei den Nächtigungen 55 Prozent Winter zu 45 Prozent Sommer). Wenngleich wir noch an einer besseren Wertschöpfung im Sommer arbeiten müssen, aktuell werden sechs von zehn Euro im Winter erzielt. Der Vorteil einer Ganzjahresdestination ist nicht zuletzt, dass ich als Arbeitgeber attraktiver bin für Mitarbeiter und ganzjährig einstellen kann. Der ebenso wichtige Aspekt bei der Diskussion über Qualität ist die Lebensqualität der Tiroler vor Ort, die direkt und indirekt sehr stark mit dem Tourismus zusammenhängt. Bewusstsein für diese Verbindung zu schaffen, das kann die Tirol Werbung übernehmen. Das bedeutet, immer wieder aufzuzeigen, welche extrem hohe und hochwertige Angebotsvielfalt für die Freizeitgestaltung der Tourismus direkt vor der Haustür ermöglicht. Beim großenThema Nachhaltigkeit will Tirol „Vorreiter“ im Alpenraum sein: Welchen Beitrag kann und muss der Tourismus leisten? Jede Region beschäftigt sich momentan mit Nachhaltigkeit, das ist kein USP von Tirol. Es ist schon viel passiert, ein Best-PracticeBeispiel sind die CLAR-Regionen. Unsere Zusammenarbeit mit den Bahnen ist ebenfalls Zur Person Karin Seiler (50) war in leitenden Marketingpositionen bei Henkel Österreich, Deutschland, Schweiz, Italien und Australien tätig, ehe sie 2010 die Geschäftsführung imTourismusverband Pitztal übernahm. Ab 2011 verantwortete Seiler den Marketingbereich der Tirol Werbung. Seit 2016 war sie Geschäftsführerin von Innsbruck Tourismus, mit 9. Mai 2022 übernahm Karin Seiler die Geschäftsführung der Tirol Werbung von Florian Phleps.

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