hotel&touristik essenz 04/2022

41 Wir müssen reden Hätte der ursprüngliche Zeitplan für das Projekt Heumarkt Neu der Wertinvest gehalten, wäre es für das Hotel InterContinental optimal gelaufen: Man hätte bis Ende 2019 im Vollbetrieb offen gehabt, die beiden Coronajahre nutzen können, um neu zu bauen und wäre Mitte 2022 mit einem funkelnagelneuen schönen Hotel und einem Kongress- und Veranstaltungszentrum für 2.000 Personen an den Start gegangen, zu einem Zeitpunkt, wo Tagungen und Konferenzen in Europa neu geordnet werden. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Seit seiner Genehmigung durch den Wiener Gemeinderat am 1. Juni 2017 beschäftigen sich mit demThema Anwälte und Gerichte. Denn die UNESCO hat Wien flugs im Juli 2017 auf die Liste der gefährdeten Welterbestätten gesetzt, die Stadt Wien fürchtet den Verlust wie der Teufel das Weihwasser und hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das zu verhindern. Das Projekt wurde mehrmals überarbeitet und eigentlich hatte man gehofft, die UNESCO würde in ihrer Sitzung im Juni 2022 Wien eine Entscheidung treffen, ob das überarbeitete und niedrigere Projekt nur Welterbe konform ist und Wien wieder von der roten Liste gestrichen wird. Durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Sonderorganisation der Vereinten Nationen die Sitzung verschoben, das Warten geht weiter. Für Brigitte Trattner, die langjährige GeneralManagerin des Hotel InterContinental amWiener Stadtpark, das 1964 als erstes Haus einer internationalen Hotelgruppe in Wien eröffnet wurde, ist das Warten zur Gewohnheit geworden. „Wir sprechen seit acht Jahren vom Zusperren, ich beschäftige mich damit erst dann, wenn es soweit ist.“ Viel mehr Sorgen machen der erfahrenen Hotelmanagerin die Folgen der Coronapandemie, die sie in den vergangenen zwei Jahren massiv beschäftigten und längst nicht überwunden hat. hotel & touristik essenz traf sie zum Interview im völlig unveränderten Hotel InterContinental, das noch immer durch sein mächtiges Entree und die einzigartige Bar eine ganz besondere Atmosphäre ausstrahlt. Welches Thema beschäftigt Sie zurzeit ammeisten? Der eklatante Personalmangel, und zwar weniger imManagement als an der Basis: Wir suchen helfende Hände, die zupacken In der Küche, in der Reinigung, im Service, an der Rezeption. Die gibt es sehr schwer. Haben Sie in der Pandemie Mitarbeitende gekündigt? Wir mussten, um zu überleben, unseren Personalstand stark reduzieren. Da waren Mitarbeitende dabei, die seit 30 Jahren für das Hotel gearbeitet haben. Das war das Allerschwierigste für mich persönlich. Man bekommt solche Schuldgefühle, weil man weiß, da hängen ganze Familien daran. Wenn das Haus für den Neubau geschlossen wird, müssen Sie die Leute ja auch kündigen? Das ist ganz eine andere Situation, das ist langfristig zu planen, da kann man die Mitarbeitenden in anderen Häusern unterbringen, es suchen ja alle Fachkräfte. Aber in Corona war es nicht möglich. Trotz Kurzarbeit nicht? Nicht bei einemHaus dieser Größe. Da blieb noch zu viel an nicht geförderten Personalkosten übrig, die Kündigungen waren alternativlos – leider. Ich bin seit 30 Jahren in der Branche, aber die zwei vergangenen Jahre waren die fürchterlichsten, die ich je erlebt habe. Ich hatte viele schlaflose Nächte. Weil Sie Angst hatten, es könnte mit einem Konkurs enden? Ein Hotel dieser Größenordnung hätte mit den staatlichen Hilfen, die ja gedeckelt waren, niemals überlebt. Monat für Monat hat man gesehen, wie viel Geld wir ausgeben müssen, um den Betrieb zu erhalten und wie nichts mehr hereinkommt. Hätte der Eigentümer nicht zusätzliches Geld zugeschossen, hätten wir es nicht geschafft. So ein Hotel können Sie nicht einfach zusperren und nach zwei Jahren wieder öffnen. Wir mussten kaputte Maschinen ersetzen, weiter Teppiche und Tapeten tauschen, Wartungen und Reparaturen müssen regelmäßig gemacht werden, sonst funktioniert das nicht. Sie hatten nicht lange geschlossen? Nur die allerersten sechs Wochen, danach hatten wir oft nur eine Belegung von zwei, drei Prozent. Was war das Schlimmste? Diese unglaubliche Hilflosigkeit und diese nicht enden wollende Ungewissheit. Das Fiebern von Pressekonferenz zu Pressekonferenz, dieses Gefühl imHamsterrad zu stecken und nichts machen zu können. Welche Vorwürfe machen Sie den Politiker:innen? Politiker hatten auch keine schöne Zeit, ich beneide da niemanden. Aber die unglaublich kurzfristigen Ad-hoc-Entscheidungen haben uns zusätzlich enorm belastet. Wenn man amDonnerstag vor demMittwoch, wo eine Hochzeit stattfinden soll, nicht weiß, ob und wie es geht, dann ist das fast nicht bewältigbar. Sie haben gesagt, das Kündigen der Mitarbeitenden hätte Sie ammeisten belastet. Und jetzt würden Sie dringend © hotel & touristik essenz/Markus Wache

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