hotel&touristik essenz 04/2022

42 Wir müssen reden welche brauchen. Doppelt bitter? Ja, aber es war dennoch nicht anders zu machen: Wenn ich jetzt den vollen Mitarbeiterstand hätte, wären es noch immer viel zu viele Leute. Ich rechne mit einer Erholung frühestens 2024. Was mich allerdings sehr freut ist, dass viele Mitarbeiter wieder zurückgekommen sind. Das spricht für das InterContinental Wien. Wie viele Mitarbeitende würden Sie jetzt brauchen? Wir sind jetzt rund 150 und zwischen 15 und 20 würden wir aktuell aufnehmen. Besonders schwierig sind amWiener Markt Köche zu finden, deshalb haben wir das Restaurant noch immer geschlossen, wir sperren es auch vor Herbst sicher nicht wieder auf. Außerdem haben wir derzeit keine Außenflächen, das ist im Sommer nicht sehr spannend. Und wie gesagt, es fehlen die Leute. Haben Sie schon analysiert, wohin die Fachkräfte abgewandert sind? Die Arbeitslosenquote ist tiefer als vor der Pandemie, die meisten Länder haben Vollbeschäftigung und wir haben in Corona einige Leute für die Hotellerie wahrscheinlich für immer verloren. Die sind in die Pflege, Einzelhandel, und Altenbetreuung abgewandert. Was machen Sie, wenn sich die Personalsituation nicht verbessert? Wir versuchen, die Abläufe noch effizienter zu gestalten. Aber irgendwann wird man die Buchungssysteme schließen müssen, wenn die Kapazität erreicht ist. Was nicht geht, geht eben nicht. Aber am Recruiting bleiben wir natürlich dran. Wie hoch ist die Auslastung imHotel? Zurzeit haben wir erst 60 Prozent Auslastung, da uns nach wie vor wichtige Märkte fehlen: Unsere Gäste kamen zu 30 Prozent aus Asien, aus China, Japan und Taiwan. Ich rechne da mit einemNull-Geschäft in diesem Sommer. Wir sind von der Normalität noch entfernt. Auch die Geschäftsreisen sind nicht auf demNiveau wie vor Corona. Zurückgekommen ist das Tagungs- und Kongressgeschäft, da wird viel nachgeholt, was zwei Jahre lang nicht stattgefunden hat. Wo haben Sie die Kraft getankt, um sich und Ihre Leute zu motivieren, den Job weiterhin mit Leidenschaft und Zuversicht zu tun? Nach der ersten Verzweiflung kommt die Erkenntnis, da muss man jetzt durch und das Beste daraus machen. Man spürt die große Verantwortung für die Mitarbeitenden. Ja, da hilft dann ein aktiver Freundeskreis, mein Haus imWeinviertel, wo ich viel an frischer Luft spazieren war und versucht habe, auf andere Gedanken zu kommen. Wie es mit dem Standort weitergeht, ist ungewiss und mit Ihnen? Jetzt führe ich mal das Hotel durch diese volatilen Zeiten und dann sehen wir. Planerisch würde ich mich in die Projektenwicklung rund um das neue Areal amHeumarkt gerne einbringen. Seit ein paar Wochen gibt es eine Staatssekretärin für Tourismus, die aus der Hotellerie kommt. Welche Erwartungen haben Sie an Susanne Kraus-Winkler? Ich wünsche mir Gesetzesänderungen, die es mir ermöglichen, mit meinen Mitarbeitenden flexible Arbeitszeitmodelle umzusetzen, die so vielfältig sind wie die Bedürfnisse der Menschen. Ich brauche den Spielraum, Dienstpläne zu erstellen, die für alle Beteiligten eine Win-win-Situation entstehen lassen. Und wir brauchen dringend Kinderbetreuung, die über 9 bis 17 Uhr hinausgeht. Es ist furchtbar, dass wir auf so viel Arbeitskraft von Frauen verzichten müssen, weil sie ihre Kinder unbetreut wissen. Außerdemmuss sich Mehrarbeit lohnen. Es macht netto kaum einen Unterschied, ob man 20 oder 30 Stunden arbeiten geht. Das muss sich ändern. Danke für das Gespräch.  Ad Personam Brigitte Trattner Brigitte Trattner ist 1965 in Friesach (Kärnten) geboren, hat Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen studiert. Ihren ersten GeneralManager-Job hatte sie 1998 im Holiday Inn Express Essen, danach Holiday Inn Wien, Crowne Plaza Salzburg, Holiday Inn Kuala Lumpur, Regional Direktor Manila, InterContinental Hanoi, InterContinental Shanghai. Seit 2014 führt sie das InterContinental in Wien. „Viele Mitarbeitende sind nach Corona wieder zurückgekommen. Das spricht für das InterContinental.“

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