hotel&touristik essenz 04/2022

50 schlussworte n.vejnoska@manstein.at traveller-online.at „Menschen sind zum Massenprodukt geworden, und paradoxerweise mangelt es an ihnen.“ Nadine Vejnoska, Redakteurin hotel & touristik essenz Wenn die Nachbarn auf Tinder sind Wien ist eine Millionenstadt und es ist definitiv nicht selbstverständlich, dass man in der Hauptstadt seine Nachbarn kennt. Wenn einem aber eine Dating-App dabei hilft, muss man sich schon fragen, wo das Zwischenmenschliche in den letzten Jahren (zwangsweise) geblieben ist. Tinder und Co haben ja eher einen fragwürdigen Ruf, was Dating betrifft. Nicht nur reduzieren sie das Interesse zweier Menschen auf das rein Äußerliche, nein, sie werden vielfach auch nur für einen bestimmten Zweck verwendet. Man weiß, was gemeint ist. Das aufregende Kennenlernen in der Bar oder einem Restaurant wird zum stupiden nach Rechts- oder Links-Gewische. Augen, Nase, Mund, Haare, Körperteile werden kaum zwei Sekunden angeschaut, schon hat man sich entschieden. Die Entfernungsanzeige macht es leicht, jemanden in der Nähe zu finden. Peinlich wird es, wenn dieser Jemand im eigenen Haus ist und sich dann noch als Nachbar:in von der Wohnung über einem entpuppt. Tja, auf den Gängen begegnet man sich ja kaum, und wenn doch, reicht ein kurzes „Servus“ oder „Hallo“ – ein Blick ins Gesicht ist da schon Luxus. Worauf ich mit dieser Story hinauswill, die übrigens jemandemmir bekannten so passiert ist – nein, wirklich – ist wohl der zunehmende Mangel an Zwischenmenschlichkeit, der mich stört. Je größer die Stadt, der Betrieb, das Hotel, das Reisebüro, desto mehr fehlt es an einemGemeinschaftsgefühl. In einer Stadt fühlt man sich trotz zunehmender Bevölkerungsanzahl schnell einsam, die Anwohner:innen rechts und links kennt man nicht, woher auch. Auf den Straßen gibt es kaum öffentlichen Raum zumKennenlernen, 80 Prozent davon sind Fahrbahn oder Parkplätze. Mit Autos lässt es sich aber schlecht reden und jemand Fremdes auf der Straße ansprechen ist ja auch irgendwie schräg. Seltsamwo die sozialen Kompetenzen geblieben sind, im Urlaub will man doch auch möglichst echte und authentisch ehrliche Bekanntschaften schließen. Daheim schafft man es nicht und auch amArbeitsmarkt fehlt mehr und mehr das gewisse Fingerspitzengefühl. Stichwort Fachkräftemangel, ein Wort, das man schon von jeder Ecke schreien hört. Neuester Hit: Serviceroboter – auch keine so tollen Gesprächspartner, wie ich finde. „Bella“, eine schlanke Blechmitarbeiterin auf Rädern, bedient bereits seit Längerem im Restaurant Hiro, in Wien Floridsdorf die Gäste. Die Bestellung geschieht per App am Tisch, in der Küche wird Bella vom Personal beladen und dann losgeschickt. 20.000 Euro kostet die mechanische Arbeitskraft – eine Einmalinvestition, die nur durch jährliche Wartungen weitere Kosten verursacht. Den Fachkräftemangel kann sie zwar nicht ausgleichen, aber zumindest ein wenig entgegenwirken, so heißt es. In Österreich sind sowieso erst nur zehn Serviceroboter für Gäste im Einsatz. Fragt sich nur, wohin das führt. Klasse, wenn man dann auf Mitarbeiter:innen verzichten kann, nicht? – Die Roboter gehen ja auch nie in Krankenstand, fahren nicht auf Urlaub, erledigen ihre Arbeit immer freundlich mit einem „Lächeln“, brauchen kein Gehalt, werden nicht schwanger und die Pandemie ist ihnen auch egal. Tja, wenn man mit solchen Argumenten kommt, braucht man sich über die aktuelle Arbeitssituation nicht wundern. Menschen sind zum Massenprodukt geworden, und paradoxerweise mangelt es an ihnen. Sind eben keine Maschinen, die für einen Hungerlohn arbeiten, wenn sie es nicht müssen. Hierzulande haben wir es in dieser Hinsicht zumGlück gut. Mehr Wertschätzung der Mitarbeiter:innen wäre aber angebracht, sonst lernt der nächste Arbeitgeber seine Angestellten vielleicht auch erst per DatingApp kennen. Jung gedacht © Sabine Klimpt

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