Nachhaltigkeitsmagazin 2022

Nachhaltigkeit als übergeordnetes, zentrales Motiv Grüner Regierungspolitik: Was alles umfasst für Sie Nachhaltigkeit? Leonore Gewessler: Nachhaltigkeit ist die ganz grundlegende Frage: Wie können wir mit unseren Ressourcen und unserem Planeten so umgehen, dass auch künftige Generation noch ein gutes Leben führen können. Das umfasst ganz viele Themenbereiche – die sozial gerechte Entwicklung unseres Zusammenlebens genauso wie nachhaltiges Wirtschaften und natürlich Klimaschutz als zentrales Querschnittsthema. Es braucht uns alle, wenn wir erfolgreich sein wollen. Das heißt aber auch: Jeder Beitrag zählt. Aktuell stehen die Sicherung der Gasversorgung beziehungsweise die Energiepreis-Explosion im Fokus der politischen Agenda. Inwiefern stehen diese Themen der nach- haltigen Entwicklung konkret des Energiesektors im Weg? Ganz im Gegenteil: Wir sehen aktuell, wie gefährlich die Abhängigkeit von fossilen Energien ist. Wir sind auf russisches Erdgas angewiesen – genau das ist doch das Problem. Kurzfristig können wir Teile der russischen Lieferungen durch andere Lieferländer substituieren. Aber wenn wir aus der Abhängigkeit raus wollen, müssen wir raus aus Erdgas. Windräder bauen, Photovoltaikanlagen installieren und Gasthermen tauschen. All das macht uns unabhängiger – und all das schützt auch das Klima. Ist die kommende CO2-Abgabe politisch noch opportun, wenn Sie auf die explodierenden Lebenshaltungskosten blicken? Lässt sich diese gegenüber den Wähler:innen weiterhin guten Gewissens argumentieren – trotz Klimabonus? Sie haben den Klimabonus ja bereits angesprochen. Der wird heuer für das ganze Jahr ausbezahlt – und die Bepreisung startet erst im Juli. Das heißt den Menschen in unserem Land bleibt jedenfalls Geld übrig. Und ganz generell gilt: Menschen mit geringem Einkommen profitieren von der Steuerreform besonders. Denn sie haben viel geringere CO2-Emissionen – und deshalb mehr vom Klimabonus. Das war mir auch immer sehr wichtig. In 7,5 Jahren soll die heimische Stromproduktion ausschließlich aus nicht-fossilen Quellen stammen. Mit Blick auf die jüngste Diskussion über Windräder: Wie geht sich das aus und wie nimmt man die Bevölkerung hier mit? „nationaler Kraftakt“ Umweltministerin Leonore Gewessler über Energiepreise, persönliche Opfer – und worüber nicht mehr zu diskutieren ist. Ich glaube, man muss hier ganz deutlich sein: Das ist unsere einzige Chance. Denn die Alternative heißt noch mehr Abhängigkeit und noch länger erpressbar sein. Das kann niemand wollen. Wir haben einen nationalen Kraftakt vor uns – und da müssen auch alle einen Beitrag leisten. Windrad ja, aber nicht bei mir – das geht sich nicht mehr aus. Die Menschen sind da oft schon viel weiter als die Politik. Die wissen, sich selbst mit Energie versorgen zu können, ist unerlässlich. Expert:innen sehen in Österreich Aufholbedarf etwa beim Thema Klimaschutz, Flächenverbrauch, Materialverbrauch oder Lebensmittelverschwendung. Hinken wir hier nach? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen: Wir sind noch nicht dort, wo wir sein sollten. Die österreichischen Emissionen sind in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen, sie hätten aber deutlich sinken müssen. Beim Flächenverbrauch sind wir trauriger Europameister. Es gibt also noch viel zu tun. Wir haben eine Aufholjagd im Klimaschutz gestartet – und die ersten Ergebnisse sehen wir schon. Das Gesetz für die Energiewende ist beschlossen. Wir haben 2022 Rekorde bei Windkraft und bei der Photovoltaik. Genauso wird es jetzt weitergehen. Österreich will bis 2040 klimaneutral werden: Wo sehen Sie die größten Hürden und Widerstände vonseiten der Wirtschaft? Und wie begegnen Sie diesen? Das ist natürlich eine große Aufgabe. In vielen Bereichen kennen wir die Lösungen schon – und das ist auch gut. Im Verkehr etwa heißt Klimaschutz mehr Öffis und dort, wo es notwendig ist, das E-Auto. Bei den Heizungen gibt es bessere Alternativen zum alten Öl und Gas. Aber gerade im Bereich der Industrie steht uns ein großer Umbau bevor. Hier braucht es noch Forschung, Innovation und natürlich auch große Investitionen mit den nötigen Vorlaufzeiten. Dazu arbeiten wir auch an den passenden längerfristigen Förderungen, denn die Industrie muss sich hier auch darauf verlassen können, dass die Politik Kurs hält. Von Lobau-Tunnel bis zur Gas-Debatte: In der öffentlichen Diskussion polarisieren Sie mit Ihren Themen stark. Verhindert das nicht auch Lösungen? Wenn wir den Kampf gegen die Klimakrise ernst nehmen, dann müssen wir uns auch trauen, weitreichende Entschei16 Nachhaltig 2022 von Martin Wurnitsch

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