Nachhaltigkeitsmagazin 2022

gewichtigsten Anwendungsfeldern in Wirtschaft und Industrie gehören natürlich der Energiesektor, aber beispielsweise auch die Mobilität, das Bauen, die Kreislaufwirtschaft, die Landwirtschaft und der Konsum. Öffentliche Investitionen in den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und in die Sanierung von Gebäuden seien maßgeblich für das Gelingen der sozial-ökologischen Transformation, betont auch Stangl. Er erläutert: „Raumplanung bestimmt, wie sehr wir auf das klimaschädliche und ressourcenintensive Auto angewiesen sind oder ob es möglich ist, den Alltag beispielsweise mit dem Rad zu bewerkstelligen.“ Es braucht also auch einen technischen Strukturwandel. Die Digitalisierung von Prozessen füllt gleichzeitig einen riesigen Datenpool, der zu fundierten und schnellen Entscheidungen verhelfen und aus der Überforderung befreien kann. Dass gerade die Industrie und die Wirtschaft sich in Sachen Klimaschutz echt ranhalten müssen, zeigt auch eine Umfrage von Deloitte, der Wirtschaftsuniversität Wien, von Wien Energie und AAU Klagenfurt aus dem Frühjahr 2020: Mehr als jede:r Zweite ist „nicht so zufrieden“ oder „gar nicht zufrieden“ mit deren Engagement in Bezug auf Umwelt und Klimaschutz. Fast genauso viele Befragte gaben im darauffolgenden Jahr in einer Studie des Österreichischen Gallup-Instituts an, dass es „sehr sinnvoll“ sei, den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Coronakrise mit dem Klimaschutz zu verbinden. Als Antwort auf die öffentlichen Forderungen kommt kaum ein Unternehmen drum herum, seinen Kund:innen große Nachhaltigkeitsstrategien anzupreisen. Häufig fällt dabei auch der Begriff Klimaneutralität. Aber Klimaneutralität ist nicht immer klimaschonend, denn: „Es kommt ja im Endeffekt nicht darauf an, wann die Klimaneutralität erreicht wird, sondern wie viele Emissionen auf demWeg bis dorthin ausgestoßen wurden“, erklärt Stangl. Heißt: Ein Unternehmen kann im Jahr x klimaneutral sein, hat aber auf demWeg dorthin sein Emissionsbudget überschritten, beispielsweise durch ein abruptes Absinken erst kurz vor dem Zieljahr oder indem ein Unternehmen besonders viel Energie aufwendet, um eine extrem schnelle Transformation zu vollziehen. In beiden Fällen werden mehr Emissionen ausgestoßen als bei einem kontinuierlichen Absenken. „Schaffen wir es bis 2030 nicht, den Weg für die Klimaneutralität zu bereiten, wird es beinahe unmöglich sein, das Klimasystem rechtzeitig zu stabilisieren“, mahnt der Klimaaktivist. Tatsächlich bieten Technologie und Digitalisierung auch jede:r Einzelnen Möglichkeiten, zum Klimaschutz beizutragen – jeder kleinste Beitrag zählt. Es gibt beispielsweise Apps, in der Restaurants und Lebensmittelhändler am Ende des Tages überbleibende Gerichte und Lebensmittel zum reduzierten Preis anbieten, statt sie wegzuwerfen, um nur ein Beispiel zu nennen. Und die Technologie bietet Vernetzungsmöglichkeiten. Das ist bedeutend, denn: „Der wichtigste Faktor für das Gelingen der sozial-ökologischen Wende ist eine aktive und starke Zivilgesellschaft, die einfordert, was die Wissenschaft für notwendig hält. Ohne das Aufkommen einer starken Klimabewegung in den letzten Jahren würden wir jetzt nicht so intensiv darüber diskutieren, wie die grüne Wende gelingen kann“, meint Stangl. Grüne Neugründungen Sehr optimistisch geben sich die Österreicher:innen allerdings nicht: Das Gallup-Institut hat sie nämlich auch gefragt, ob sie der Meinung sind, „dass wir den Klimawandel noch in den Griff bekommen können“. 38 Prozent antworteten hier mit „Eher nein“, 13 Prozent mit „Nein, sicher nicht“, gegenüber (immerhin) 35 Prozent, die „eher ja“, und sieben Prozent, die „ja, auf jeden Fall“, angaben. Einen positiven Ausblick bietet aber beispielsweise die heimische Start-up-Szene: Österreich beheimatet aktuell etwa 126 Green-Tech-Start-ups, wie aus einem Report der Initiative „Climate Tech Start-ups Austria 2022“ des Green Tech Clusters und des Start-ups Glacier hervorgeht. Das sind 30 Neugründungen mehr als im Vorjahr. Fast ein Viertel der grünen Start-ups sind dem Bereich Energy zuzuordnen, 22 Prozent zählen zu Food & Agriculture und 19 Prozent zu Circular. Zwar sitzen 40 Prozent der jungen Unternehmen in Wien, Österreichs Green Tech Valley ist aber der Süden: Fast ein Viertel der Start-ups kommt aus der Steiermark, gefolgt von Niederösterreich und Kärnten, geht man nach der Dichte. „Ich sehe großes Potenzial darin, digitale Technologien und vor allem Computermodelle zu nutzen, um die sozialökologische Transformation zu planen und realisierbar zu machen“, sagt Stangl. „Es liegt allerdings an uns und vor allem an der Politik, diese Transformation auch tatsächlich umzusetzen. Auch wenn wir gerade von einer Krise in die nächste stolpern, gilt es jetzt, besonders mutig zu sein und umso mehr an der Vision einer ökologischen und sozial gerechten Zukunft zu arbeiten.“ shutterstoc, Bogdan Baraghin Nachhaltig 2022 49 „Wir müssen die Wirtschaftslogik des unendlichen Wachstums ablegen.“ Johannes Stangl, Researcher am Complexity Science Hub Vienna und Klimaaktivist

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