Nachhaltigkeitsmagazin 2022

Unternehmen und Marken sind in ihrer Nachhaltigkeit gefordert. Doch wie sehr sehen Sie die Politik gefordert – und was ist von dieser Seite realistisch durchsetzbar? Alice Schmidt: Die Politik muss die nötigen Rahmenbedingungen setzen, das ist klar. Derzeit tut sich auch einiges, besonders auf EU-Ebene, unter anderem mit der Taxonomie und dem Lieferkettengesetz. Aber machen wir uns nichts vor: Gerade Wirtschaftsvertreter und Großunternehmen – die ja bekanntermaßen einen beträchtlichen ökologischen Fußabdruck haben – müssen da mitziehen. Unternehmen haben oft wesentlich mehr Macht und Einfluss auf die Politik, als sie öffentlich zugeben. Es kommt leider immer wieder vor, dass Unternehmen nach außen ambitionierte Ziele und Commitments verkünden, während sie abseits der Öffentlichkeit Druck gegen Gesetzgebung im Nachhaltigkeitsbereich machen. In der Ukraine herrscht Krieg, die Inflation ist auf einem 40-Jahres-Hoch und die Pandemie noch nicht vorbei. Wie sehr wirft das die NachhaltigkeitsEntwicklung der Gesellschaft zurück? Sowohl Putins Krieg in der Ukraine als auch Pandemie und Inflation sind mit der Klima- und Umweltkrise verknüpft. Leider haben sie alle das Potenzial, nicht nur von der Klimakrise abzulenken, sondern diese auch zu verschlimmern. Vermehrter Rüstungsaufwand, zum Beispiel, hat auch einen enormen ökologischen Fußabdruck. „Druck gegen nachhaltige Gesetze abseits der Öffentlichkeit“ Alice Schmidt, international tätige Nachhaltigkeitsexpertin, verrät, wie viel Einfluss Unternehmen auf die Politik wirklich haben, wie sehr Krieg und Pandemie die Klimaziele zurückwerfen und wo Österreich nur im Mittelfeld liegt. von Nora Halwax Manche Entscheidungsträger:innen sehen Parallelkrisen als Grund, die Bewältigung der Klimakrise wieder einmal hintanzustellen. Was es nun braucht ist ein kollektives Aufwachen gegenüber der Tatsache, dass die Zerstörung des Ökosystems viel mehr kostet als zeitnahe Investitionen in Nachhaltigkeit. Von diesen Kosten müssen wir sprechen. Hilfreich wäre auch ein längerfristiger Horizont, der nicht vor der nächsten Wahl endet. Viele Unternehmen haben den schon. In Ihren Referenzen findet man große Namen wie Ferrero und Coca-Cola. Nun sind es gerade solche Big Player, die öfter mit dem Vorwurf der Umweltverschmutzung und des Greenwashings konfrontiert sind. Was kann man als Konsument:in noch glauben? Konsument:innen sind ein wesentlicher Teil der Lösung, aber es kann nicht ihre Aufgabe sein, bei jeder Kaufentscheidung detaillierte Recherchen zur Nachhaltigkeit oder Greenwashing eines Unternehmens oder Produkts zu betreiben. Ich sehe da eine Bringschuld bei Unternehmen, die vonseiten der Politik noch stärker eingefordert werden muss. Ein weiterer Puzzlestein im Kampf gegen Umweltzerstörung und Greenwashing sind rechtliche Instrumente. Sabine Hauswirth 50 Nachhaltig 2022 international Klimaschutzklagen gewinnen zunehmend an Bedeutung – und sie richten sich sowohl an Unternehmen als auch an Regierungen, die ihre Schutzfunktion nicht ausreichend wahrnehmen. Unternehmen, die früh ihr Geschäftsmodell analysiert, angepasst und sich für Transparenz entschieden haben, statt die Zeit mit Greenwashing zu vertun, sind da definitiv im Vorteil. Sie waren bisher für 50 Organisationen tätig, die in 30 Ländern vertreten sind. Welche Länder nehmen hier eine Vorreiterrolle ein. Was kann sich Österreich abschauen? Wenn ich in all den Jahren eines gelernt habe, dann dass die gängige Einteilung in „entwickelte“ Länder versus „Entwicklungsländer“ nicht hält. Alle Länder sind Entwicklungsländer, solange sie es nicht schaffen, ihren ökologischen Fußabdruck pro Kopf auf ein Maß zu reduzieren, das im Rahmen dessen ist, was das Ökosystem für jeden bereitstellt. Soziale Entwicklung, also ein hohes Pro-Kopf-Einkommen verbunden mit ausgleichenden Sozialleistungen, ist natürlich auch ein wesentliches Kriterium, und da ist Österreich weit vorne. Wenn es aber um Umweltthemen geht ist Österreich bestenfalls im Mittelfeld Europas, und in mancher Hinsicht nicht einmal das. Die Ökosoziale Steuerreform ist ein Schritt in die richtige Richtung, allerdings nur wenn der CO2-Preis eine angemessene Höhe hat, aber das ist noch lange nicht der Fall. Alice Schmidt ist weltweit als Beraterin, Speakerin sowie Autorin („The Sustainability Puzzle“) für Nachhaltigkeit tätig und unterrichtet an der Wirtschaftsuniversität Wien. Zu ihren Referenzen zählen unter anderem die UNO, Weltbank und Europäische Kommission als auch Coca-Cola, Ferrero und Boehringer Ingelheim sowie NGOs wie Doctors Without Borders und Extinction Rebellion.

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