20.11.2020

70 percent is the new perfect

Nicht der dilettantisch verordnete zweite Shutdown ist das Problem, vielmehr die dramatisch gesunkene Lust zu konsumieren. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Ein Banker schilderte mir dieser Tag folgende Erfahrung: „Komm ich neulich ins Büro und traute ich meinen Augen nicht: Mein Schreibtisch war nicht mehr da.“ Vollkommen unvorbereitet wurde der junge Mann darüber in Kenntnis gesetzt, nein, nicht dass er gekündigt sei, sondern künftig ständig im Homeoffice arbeiten werde. Als IT-Mitarbeiter hätte er ohnedies keinen Kundenkontakt und es sei schließlich egal, wo sein PC stehe. Wie er als Vater von vier Kindern, worunter die jüngsten noch nicht mal in die Schule gehen, das organisieren soll, darüber ließ sich der Arbeitgeber nicht aus. Schon den ersten Shutdown verfluchte der ITler, weil die ständige Präsenz der Kids ein professionelles Arbeiten schier unmöglich machte.

Mehr Homeoffice, weniger Büro

Dieser Fall deckt sich ziemlich gut mit der Ankündigung eines Catering-Unternehmers, zu dessen Klientel auch ein Bankhaus gehört. „Die haben mir relativ unverblümt gesagt, dass künftig zwischen 25 und 30 Prozent weniger Mitarbeiter in der Unternehmenszentrale arbeiten würden, weil dieses Drittel künftig ständig von zuhause aus arbeiten werde. Für den Caterer bedeutet das: ein Drittel weniger Essensteilnehmer bei dieser einen Kundschaft. Und das dauerhaft.

Ok, betrifft mich nicht, wird sich so manch Gastronom jetzt denken, was so einfach wieder nicht ist. Denn, sollte wieder einmal so etwas wie ein normales Geschäftsleben möglich sein, das heißt, Menschen ohne irgendwelche Einschränkungen fortgehen dürfen, wird das von einer gebremsten Konsumlust gekennzeichnet sein. Also nicht gefressen und gesoffen bis sich die Tische biegen. Vielmehr ganz bewusster Genuss wird im Zentrum stehen, oft auch die bewusst verweigerte Kaufentscheidung.

Hedonistische Unlust als Lerneffekt

Motivforscher begründen das mit einem gewissen „Lerneffekt“ des Shutdowns. Wenn die Leute zuhause sitzen (müssen), ist die Lust hedonistisch über die Stränge zu schlagen, ganz einfach nicht so stark gegeben wie in Gesellschaft und vorzugsweise woanders als in den eigenen vier Wänden. Die durch mittlerweile zwei Shutdowns herangezüchteten Couchpotatoes, die stumpfsinnig auf den Großbildschirm starren und sich aus überbordender Faulheit nicht mal ein Glas zum Bier holen, werden sich in den Umsätzen der Gastronomie und Hotellerie länger bemerkbar machen als den Unternehmern lieb ist. Einmal mehr müssen – sobald wir wieder ins Wirtshaus dürfen – Erlebnisse in punkto Essen, Trinken und Schlafen wieder im Mittelpunkt stehen. Trendforscher sprechen von gut 30 Prozent geringerer Kauf- und Konsumlust oder 70 percent is the new perfect. Bleibt nur zu hoffen, die Gurus mögen sich irren.

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