20.11.2020

„Absolute Sicherheit gibt es nirgends“

Wiens Tourismusdirektor Norbert Kettner im Gespräch über den Terroranschlag in der Stadt, die Auswirkungen auf den Tourismus und die Stärke der Marke Wien.

Inwieweit beeinflusst oder verändert Terror einen gesunden Tourismus und den völker- und kulturverbindenden Auftrag?
Norbert Kettner: Terror ist – leider – schon seit einigen Jahren in Europa angekommen, der Schock ist aufgrund der bereits gehäuften Vorfälle nun aber nicht mehr so enorm. Menschen tendieren mittlerweile dazu, rascher zu vergessen, resilienter zu werden. Terrorismus hat somit nur noch einen kurzfristigen Effekt auf die touristische Nachfrage, ich spreche hier von wenigen Monaten, und wird aktuell im Fall Wiens durch die Pandemie, deren Auswirkungen viel stärker und langfristiger ins Gewicht fallen, überschattet. 
Natürlich gibt es in Zusammenhang mit derartigen Vorkommnissen immer wieder spaltende Zwischenrufe aus bestimmten gesellschaftlichen Ecken, doch in Summe überwiegen grundsätzlich Botschaften der Solidarität, der gegenseitigen Toleranz und Akzeptanz. Die Reaktionen in Wien haben sehr deutlich gezeigt, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt funktioniert.

Sehen Sie nachhaltige Auswirkungen auf die Beziehungskultur, das heißt, auf den Umgang der Menschen auf Reisen aber auch untereinander?
Alexander von Humboldt hat gesagt: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die jener Leute, die sich die Welt nie angeschaut haben.“ Bin ich Reisender, bringe ich automatisch Offenheit gegenüber Neuem, Unbekanntem, anderen Kulturen mit. Ich kann aus vergangenen Erfahrungen Europas mit dem Terror, der spätestens seit 9/11 das Geschehen in der westlichen Welt mitprägt, erkennen, dass dies langfristig weder der Reiselust noch der Beziehungskultur Abbruch tut. Zugleich wünsche ich mir auch zuhause im Umgang der Menschen miteinander jene Offenheit und jenes kosmopolitische Denken, das wir alle an den Tag legen, wenn wir uns auf Reisen begeben. Kosmopolitische Weltanschauung ist in Wiens DNA sehr stark verwurzelt, der Terroranschlag kann, darf und wird dies nicht ändern.

Welche Maßnahmen sollten jetzt von der Politik gesetzt werden, damit Wien seinen Status als lebenswerteste Metropole der Welt und sicheres Reiseziel nicht verliert?
Diesen Status sehe ich absolut nicht in Gefahr. Sicherheit bedeutet, dass das soziale Gefüge einer Stadt funktioniert, dass die Stadt per se funktioniert – von der Infrastruktur über öffentliche Verkehrsmittel bis hin zur ärztlichen Versorgung – oder Einsatzkräfte mit ausreichend Kapazitäten ihren Job machen können. Der Anschlag hat auch gezeigt, wie schnell und professionell die Sicherheitskräfte während und nach dem Anschlag reagiert haben. Wir haben eine immense Solidarität in der Bevölkerung und sehr stark auch bei den touristischen Unternehmen gesehen, die spontan Schutzsuchende aufgenommen haben. Absolute Sicherheit gibt es aber nirgends. Das zu versprechen, wäre nicht seriös. Kein Land der Welt ist gefeit vor Terrorattacken. Städte mit starker Marke, einem klaren Image und klarer Positionierung wie London oder Paris haben in der Vergangenheit schon gezeigt, dass sie deutlich schneller zur Normalität zurückgekehrt sind und wieder nachgefragt wurden. Gleiches gilt für Wien, das in mehreren Untersuchungen unter die zehn stärksten City Brands gereiht wird, zum Beispiel im aktuellen Ranking von Anholt-Ipsos.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Wien-Besucher – gerade jetzt in Pandemiezeiten – ein? 
Das Dramatische ist, dass Wien zurzeit – wie alle Metropolen weltweit – nur einen Bruchteil der Besucherzahlen vergangener Jahre verzeichnet. Sicherheit im Sinne von höchsten Standards bei Hygiene, Dienstleistungen oder der Konsumation von Angeboten genießt oberste Priorität. Der WienTourismus unterstützt beispielsweise Hotelbetriebe mit dem Sicherheitssiegel „Safe stay“ oder Tagungsveranstalter mit einem Sicherheitsleitfaden für Business-Events. Was mir besonders wichtig ist anzumerken: Reisen ist nicht das Problem, es ist das Verhalten der Menschen, egal wo. Das stellt unter anderem auch das deutsche Robert Koch Institut in einem Strategiepapier zum Thema Mobilität fest. Der Internationale Luftverkehrsverband IATA belegte, dass Flugreisen in puncto Ansteckungsgefahr kaum problematisch sind. Vor dem Hintergrund des aktuellen Lockdowns zwar kein Thema, aber trotzdem ein wichtiges Signal: Erst im Sommer wurde Wien als eine von nur wenigen Städten in Europa vom EU-nahen Reiseportal European Best Destinations zu den sichersten Reisezielen während Covid-19 gezählt.

Wird sich das Reiseverhalten durch die Coronakrise verändern und glauben Sie, dass auch die nun wieder präsente Terrorgefahr zu einer Veränderung der Reiseströme beiträgt? 
Abseits des menschlichen Leids, das der Terroranschlag mit sich bringt, ist nicht von der Hand zu weisen, dass derartige Ereignisse auch und vor allem dem Tourismus schaden. Angesichts der Pandemie liegt der Städtetourismus international – und damit auch in Wien – jedoch schon am Boden. Die Erholung von Covid-19 wird uns wohl länger beschäftigen als der Anschlag in den Köpfen des Reisepublikums verankert bleibt. Das zeigen vergangene Erfahrungen anderer europäischer Städte mit Terroranschlägen, und auch jüngste Aussagen des Instituts für Wirtschaftsforschung oder des Instituts für Weltwirtschaft untermauern das. Je nach Verlauf der Pandemie rechnen wir ab 2021 mit langsamer Erholung, das Niveau von 2019 wird vor den Jahren 2023 oder 2024 nicht zu erreichen sein.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dass sich die aktuell drastische Situation für Wiens Visitor Economy durch die Verfügbarkeit eines Impfstoffes oder ein Medikament raschestmöglich erholt, wir gestärkt aus der Krise hervorgehen und an vergangene Erfolge anknüpfen können. Mit möglichst vielen Unternehmen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die die aktuell schwierige Zeit überstanden haben. Dafür brauchen sie jetzt allerdings Unterstützung und finanzielle Hilfe, um durch den Winter zu kommen und in der Folge ihren Teil zum Wiederaufbau leisten zu können. Was den Wiederaufbau betrifft, wünsche ich mir außerdem eine gemeinsame europäische Strategie sowie die Wiederherstellung des europäischen Binnenmarkts. Denn wirtschaftlich gesehen macht uns das Inland allein nicht satt.

(Autorin: Brigitte Charwat)

 

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