13.12.2020

Alte Muster machen die Neuaufstellung schwierig

Aktuell geht es ums Durchhalten und Überleben der Krise, dafür schlummern Pläne in hoffentlich vielen Laden, sagt Oliver Fritz. Der anerkannte WIFO-Wirtschaftsexperte spricht im Interview über die mit der Coronakrise einhergehenden Zäsuren, Veränderungen, Entwicklungen und Hoffnungen für die heimische Tourismuswirtschaft.

Die Touristik zählt zu den ganz großen Verlierern, kaum eine andere Branche ist derart hart von der Pandemie betroffen und kämpft um den Fortbestand. Ist dafür nur die Coronakrise verantwortlich zu machen oder hat man über die guten Jahre die eine oder andere Entwicklung nicht gesehen oder nicht sehen wollen?
Oliver Fritz: Krisen sind Chancen, ein gerade jetzt oft gesagter und gehörter Satz, der jedoch viel mehr als nur ein Mut machender Slogan ist. Weil jetzt eben zwangsläufig ein guter Zeitpunkt zum Nachdenken, zum Reflektieren, zum Analysieren ist. Ist man mit dem Tagesgeschäft befasst und läuft das Geschäft gut, übersieht man diese wichtigen Regulative und nimmt sich kaum oder zu wenig Zeit dafür. Eine Krise wie diese Pandemie deckt dann die Schwächen schonungslos auf, nicht nur in der Touristik. 
 
Liegt es ausschließlich an den der Pandemie geschuldeten Maßnahmen und Einschränkungen, der fast auf null reduzierten Reisefreiheit und dem damit verbundenen Stillstand, dass die Branche dermaßen strauchelt?
Es fehlt Resilienz. Die Widerstandsfähigkeit, um Krisen entsprechend gut zu bewältigen, ist im österreichischen Tourismus nicht wirklich stark ausgeprägt. Wenn selbst sehr gesunde Betriebe diese Gesundheitskrise nicht ohne Unterstützung und Hilfe überstehen, muss man nachdenken und Ursachenforschung betreiben. Warum ist das so? Warum ist neben den notwendigen finanziellen Rücklagen – viele Betriebe verfügen nicht über die notwendige Eigenkapitalquote – gerade auch um die sozialen Ressourcen derart knapp bestellt?
 
Woran krankt es also aus Ihrer Sicht?
An genannter Resilienz, aus meiner Sicht muss man vorrangig darüber nachdenken und Wege finden, wie man die wirtschaftliche Widerstandskraft der Betriebe stärken kann. Denn Krisen, ob Terror oder Wirtschaftskrisen, wird es auch künftig geben, dieser Tatsache müssen wir leider ins Auge sehen. Eine gesunde Widerstandskraft ist für den Unternehmens- und Branchenfortbestand essenziell, daran muss man dringend arbeiten, denn andernfalls fällt der Branche beim nächsten kleineren Wind erneut alles auf den Kopf. 
Ich befürchte aber, dass man diese Notwendigkeit nicht wirklich am Schirm hat. Weil man jetzt nur um Schadensminimierung bemüht ist bzw. ums Überleben kämpft und sobald die Impfung verfügbar ist, auch mehrheitlich in Anspruch genommen wird und sich die Situation damit zu normalisieren beginnt, man ganz rasch auf alle jetzt sichtbaren Problemfelder erneut vergisst. Man will nur so rasch als möglich verlorenes Terrain aufholen, Verluste wettmachen und wieder auf die Gewinnstraße zurückkehren. Verständlich, aber halt sehr kurz gedacht. Man muss sich jetzt mit den langfristigen Problemen befassen und nicht auf Quantität, sondern auf Qualität – Stichwort Resilienz – für die Zukunft fokussieren. 

Bekommt Reisen in der gesamten touristischen Leistungskette durch die Coronakrise generell wieder einen höhren Stellenwert und ist damit die Zeit des Overtourism vorbei?
Overtourism, der nicht nur für die lokalen Bevölkerungen ein massives Problem, sondern vielmehr auch sozial und ökologisch eine enorme Herausforderung ist, wird durch die Corona-Pandemie nicht verschwinden, davon ist nicht auszugehen. Früher oder später kehrt diese negative Entwicklung des Tourismus wieder zurück. Denn die Lust am Reisen ist prinzipiell vorhanden bzw. wird weiterhin eine große sein. Nur die Einkommen sind geringer, das Geld ist generell knapp und es gibt mehr Arbeitslose. Wirtschaftskrisen müssen verdaut werden, auch der Tourismus wird sich nur schrittweise normalisieren oder diesen Gegebenheiten anpassen. Was den Billigtourismus als eines der ersten Segmente in der Kette unmittelbar antreiben wird. 

Ökologie in der Reisekette mitzudenken ist also auch ein klarer Auftrag? 
Absolut, denn Ökologie, ein gesundes Verständnis und Miteinander von Natur, Lebewesen und Umwelt, ist gerade im Tourismus eine Notwendigkeit. Unser natürlicher Lebensraum, unsere Umwelt stehen massiv unter Bedrohung, der Klimawandel ist nicht mehr zu verhindern, nur noch zu begrenzen. Ob Winter- oder Sommertourismus, alle müssen das zur Kenntnis nehmen. Sich nur das grüne Mascherl umzubinden und nichts verändern, ist zu wenig. Man verdrängt oder noch schlimmer, ignoriert das Thema und verlässt sich auf die Politik. Nun, das wird nicht reichen.
 
Mit dem „Plan T – Masterplan für Tourismus“ wurde auf Regierungsebene vor knapp zwei Jahren ein gemeinsam mit der Tourismusbranche erarbeiteter Strategieprozess eingeleitet …
Der „Plant T“ der Regierung beinhaltet viele festgeschriebene und wohlklingende Schlagworten und Ziele, aber wenig, wie diese Zielsetzungen zu erreichen sind. Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen. So braucht etwa das Förder- und Regulierungssystem einen entsprechenden Gestaltungsspielraum und das Fördersystem muss die Zielsetzungen transparent widerspiegeln. Und die Länder und Gemeinden müssen an einem Strang ziehen. Nur, so lange das alte klassische Tourismusmuster gelebt wird, wird eine Neuaufstellung schwierig. Das immer höhere Investment in Regionen muss schließlich finanziert werden, nur wird man dieses Muster nicht ewig weiterspielen kann. 
 
Was sagen Sie zur Regelung, dass die heimische Hotellerie bis 6. Jänner geschlossen bleibt?
Ganz Europa ist vorsichtig, die Situation ist zu fragil und unsicher. Die erste Hälfte der Winter- und Skisaison ist damit wohl großteils abgeschrieben, die zweite Hälfte noch extrem unsicher und somit die Situation für die Hotellerie jetzt weit schlimmer und dramatischer als im Sommer. Die Hoffnungslosigkeit ist sehr groß. Aber nicht alles ist entmutigend, denn die Impfzulassung ist eine Perspektive, die die Abwärtsspirale bremsen kann und hoffentlich auch wird.

Der Fortbestand bzw. die Erholung der Tourismusbranche hängt damit an einer Spritze?
So könnte man sagen, wenn die Impfung eben kein Kartenhaus ist, wonach es derzeit aber nicht aussieht. Dann ist Optimismus durchaus angebracht, dass es möglicherweise schon Mitte 2021 wieder so etwas wie Leben gibt. Andernfalls wäre das gerade noch vorhandene Restvertrauen unwiederbringlich zerstört. Ein dritter Lockdown ist grundsätzlich keine Option, wenn er aber kommen muss, dann kann er nur mit der Perspektive einer Impfung funktionieren. Anders denke ich, sind die Menschen nicht mehr zu motivieren. Wir werden es also bis zur Impfung aussitzen müssen, und auch dann braucht es erst einmal eine ausreichende Impfdurchdringung in der Bevölkerung. Der Weg zu einer wirklichen Normalität ist also noch ein langer.  

Danke für das Gespräch.


Zur Person
Oliver Fritz trat im Jahr 2001 in das WIFO ein und ist als Ökonom (Senior Economist) im Forschungsbereich „Strukturwandel und Regionalentwicklung" tätig. Zudem fungiert er als Lektor an der Universität Wien sowie der Fachhochschule Burgenland und ist Affiliierter Professor am Regional Economics Applications Laboratory der University of Illinois, Urbana-Champaign (USA). Seit 2009 ist Oliver Fritz zudem Geschäftsführer der International Input-Output Association, einer weltweit agierenden wissenschaftlichen Vereinigung mit Sitz in Wien. Der Tourismusökonom studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz und der University of Illinois, Urbana-Champaign (USA), wo er 1995 sein Doktorat der Wirtschaftswissenschaften (Doctor of Philosophy in Economics) abschloss.

(Autorin: Brigitte Charwat)
 

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