24.06.2022

Auf der Alm, da gibt’s a Sünd‘

Die verlorene Ehre der Bergsteiger: Hüttenwirte beklagen ein unwürdiges Reservierungsverhalten ihrer Gäste. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Können Sie sich noch an Friedrich Karl Flick erinnern? Er war ein Industriellenerbe, besaß ein hohes Milliardenvermögen und zählte zu den reichsten Deutschen. Die Liebe und eine stiftungsfreundliche Gesetzgebung ließen ihn zu einem begeisterten Österreicher werden mit mehreren Wohnsitzen von der Steiermark bis Kärnten, aber hauptsächlich residierte er in Wien. Neben der Erhaltung seines Vermögens war FKF – wie er salopp genannt wurde – auch ein ausgewiesener Gourmet mit einer exzellenten Nase und einem Weinwissen, das auch den legendären Adi Werner vor Probleme stellte, in dessen Hotel er regelmäßig abstieg.

Zu einer von Dr. Flicks Marotten zählte, dass, wenn er essen ging, in mindestens fünf Lokalen gleichzeitig reservieren ließ. Nicht einmal sein Fahrer wusste, wohin es ging und es konnte vorkommen, dass – schon vor einem Lokal stehend – noch einmal umentschieden wurde. Diese Sprunghaftigkeit war der panischen Angst des Milliardärs vor einer Entführung geschuldet. Wenngleich das „Steirereck“ immer zu einer seiner liebsten Adressen zählte.

Von wem ich diese Schnurre habe? Richtig geraten: Heinz Reitbauer sen. gab sie vor vielen Jahren einmal zum Besten. Nicht, weil er sensationsgeil irgendetwas ausschlachten wollte, sondern auf einen Missstand hinweisen. Und zwar jenem der so genannten „no shows“ in Restaurants. Das heißt: Es wird ein Tisch reserviert und niemand erscheint. Für jeden Wirt ist das ein unwiederbringlicher Verlust – einem Hotelzimmer ähnlich – steht es eine Nacht leer, kann ich es erst tags darauf wieder verkaufen.

Buchungen unter falschem Namen

Mit genau diesem Phänomen hat nun ein Branchenzweig zu kämpfen, von dem man das nicht unbedingt erwartet hätte: die österreichischen Berghütten.

„Wir erwarten eine gute Saison“, sagt Markus Jankowitsch, der Wirt der Tilisunahütte im Montafon. Problematisch seien aber die immer kurzfristigeren Stornos. Es sei zu einer Unart geworden, auf Schönwetter-Verdacht zu reservieren, sagt Jankowitsch. „Sobald eine Wolke am Himmel erscheine, gehe die Stornowelle los.“

Vollkommen konsterniert ist Rainer Schlattinger, der Geschäftsführer des Alpenvereins Vorarlberg, er sieht sogar ein „bröckelndes Wertesystem“. So würden manche für denselben Tag verschiedene Hütten buchen und dann einfach dortbleiben, soweit sie halt gekommen sind. Gebucht werde zum Teil unter falschem Namen, um möglichen Stornokosten zu entkommen.

Ja darf denn das wahr sein? Die hehre Schar der Bergsteiger – edelmütig und ehrbar vom rotweißrot-karierten Hemdkragen bis zu den verschwitzten Bergsocken – legen so ein Verhalten an den Tag? Ich kann nur sagen: Willkommen in der wirtschaftlichen Realität, meine Herren. No shows auf Golfplätzen bei dräuenden Regenwolken unterscheiden sich da kaum von Berghütten. Wer will schon bei beständigem Schnürlregen den Untersberg besteigen?

Es geht noch weiter: „Zudem seien die Anforderungen der Gäste oft zu hoch. Früher sei klar gewesen, dass eine Alpenvereinshütte keine Wellness-Oase sei“, so Schlattinger. Heutzutage erwarteten aber viele denselben Komfort wie im Tal. Der könne am Berg jedoch nicht geliefert werden. Es liegt der Verdacht nahe, die Hüttenmanager kommen mit den neuen Zielgruppen nicht ganz zurande. Natürlich wird ein eingefleischter Bergler keine Mucken machen, wenn er sich zu seinen schnarchenden Kameraden ins Massenlager legt. Das ist vielleicht bei der frischgebackenen Jung-Juristin, die sich das erste Mal auf den Hochkönig wagt, etwas anders. Das wäre aber auch die einmalige Chance für jeden Hüttenwirt (und den ganzen Alpenverein), sich eine völlig neue Zielgruppe zu erschließen.

No-show-Gebühr Gang und Gäbe

Heinz Reitbauer sen. übrigens, hat dieser Unart seiner Gäste, einfach aufs Geratewohl zu reservieren und nicht zu erscheinen, ganz schnell einen Riegel vorgeschoben. Jede Reservierung wird seither mit einer Kreditkarte hinterlegt. Kommen Gäste nicht, wird eine Gebühr abgebucht. Ohne Karte werden gar keine Reservierungen entgegengenommen. Natürlich besteht die (theoretische) Chance, den ungenutzten Tisch mit sogenannten Walk-ins zu besetzen und somit auch noch Umsatz zu machen. Die No-show-Gebühr ist aber in Zeiten der Pandemie mehr als gerechtfertigt und seit Jahren Gang und Gäbe.

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