28.12.2018

Betriebsübergabe 3: Ausschütten oder Investieren?

Österreichs Gastronomie und Hotellerie stehen vor einer Übergabewelle. Was bewegt Übergeber, wenn sie ihr Lebenswerk der nächsten Generation anvertrauen? Und was bewegt Übernehmer, wenn sie vor der Übernahme des elterlichen Betriebs stehen? Von Clemens Westreicher.

Liebes Tagebuch. Seitdem ich mit dem Gedanken spiele, unser Hotel zu übernehmen, fühle ich mich irgendwie zerrissen. Ist das, was für unser Hotel richtig ist, auch für unsere Familie richtig? Papa betont immer wieder, dass er alle Kinder gleich gerne hat. Gleichzeitig hält er aber auch fest, dass nicht alle Kinder das Hotel bekommen können. Papa sagt, dass das fähigste Kind das Hotel übernehmen soll, vorausgesetzt es will. Wie kann Papa seinen Anspruch nach Gleichbehandlung in der Familie mit seinem Vorzug bezüglich der Fähigkeit in der Hotelführung unter einen Hut bringen? Geht das überhaupt? Und zwar so, dass wir alle auch in zehn, 15 Jahren noch zufrieden sind?

Mir rauben aktuell zwei andere Fragen den Schlaf.

Das ist erstens unser traditionsreiches À-la-Carte-Restaurant. Das Erscheinungsbild stammt aus den 1970er-Jahren. Das Speisenangebot ist gutbürgerlich. Wie werden wohl meine Eltern darauf reagieren, wenn ich ihnen meinen hippen StreetfoodCourt vorstelle? Werden sie an der Tradition festhalten wollen? Oder unterstützen sie mich mit meiner Innovation und lassen mich machen? Zweitens lässt mir eine Bemerkung meines Stiefbruders keine Ruhe. Letzthin meinte dieser, dass sein einziges Interesse am Hotel seinem jährlichen Gewinnanteil gilt, sollte Papa ihn am Hotel beteiligen. Wie kann ich ihn, der in der Stadt lebt und nicht im Hotel tätig ist, davon überzeugen, dass ich die erwirtschafteten Mittel in das Hotel investieren muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben? Wenn ich meine, eine Lösung für unser Hotel gefunden zu haben, kommen mir Zweifel, ob diese auch für uns als Familie passend ist.

Irgendwie ist es ... ich weiß nicht, einfach nicht möglich beide Blickwinkel unter einen Hut zu bringen! Es ist zum aus der Haut fahren ...

Das sagt der Nachfolgeberater:

Die Tagebuchschreiberin erlebt etwas, das typisch ist für Unternehmerfamilien. An die Hoteliersfamilie werden in mehreren Spannungsfeldern (z. B. Gerechtigkeit, Investitionen, Innovation) gleichzeitig zwei Erwartungen gestellt, nämlich die Erwartungen der Familie und die Erwartungen des Hotels. Die beiden Erwartungshaltungen können jedoch nicht gleichzeitig erfüllt werden. Sie können maximal ausbalanciert werden. Dies ist anspruchsvoll und kann von Unternehmerfamilien
 erfahrungsgemäß nur in einem längerfristigen Prozess bewältigt werden.

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