09.06.2021

Bettenobergrenze für Tirol

Die adaptierte Tourismusstrategie „Tiroler Weg“ schreibt betriebliche Wachstumsgrenzen ebenso fest wie die „Nachhaltigkeit“ als zentrale Leitlinie. Wachsen will man nur mehr bei der Qualität.

Tirol will vorangehen, will Modellregion sein, betonte Tirols Landeshauptmann und Tourismusreferent Günther Platter bei der Präsentation des neuen Tiroler Wegs im Rahmen der „Lebensraum Tirol Perspektivenwoche“. Man wolle den Tiroler Tourismus nicht neu erfinden, aber an gewissen Stellen neu denken. Im neuen Leitbild seien daher zentrale Perspektiven für eine verantwortungsvolle Tourismusentwicklung festgelegt worden. 

Betriebliche Wachstumsgrenzen

So spricht man sich deutlich für Wachstumsgrenzen aus, um den kleinteiligen Tourismus und die Familienbetriebe zu schützen und ihnen Raum für Entwicklung zu geben. Dafür gibt es zukünftig eine Obergrenze bei der Bettenanzahl für Beherbergungsbetriebe. Im Tiroler Weg wird daher festgelegt, dass die bestehenden Definitionen im Raumordnungsgesetz für eine Sonderflächenwidmung „Beherbergungsgroßbetrieb“ ab 150 Betten beizubehalten ist – und eine Obergrenze für eine Sonderflächenwidmung „Beherbergungsgroßbetrieb“ bei 300 Betten festzulegen. Folglich sollen in Tirol keine Hotels über 300 Betten mehr entstehen. Steigerungen soll es nur mehr bei der Wertschöpfung geben, so Platter. 

Auch bei der Gesamtbettenanzahl in Tirol – aktuell bei rund 330.000 – sei die Obergrenze bereits erreicht. Was jedoch nicht bedeutet, dass in Regionen mit Potenzial (z. B. Osttirol) noch Betten hinzukommen, anderswo könnten es aber weniger werden.

Platter kündigte auch an, dass es Grenzen ebenso für „undurchsichtige Investorenmodelle, touristische Großbetriebe oder Chaletdörfer“ geben soll. „Hier brauchen wir einen Konsens zwischen Kommunen, Planungsverbänden und Tourismusverbänden – insbesondere bei Widmungsfragen.“ Spekulationsprojekte, die Preise nach oben treiben und „kalte Betten“ erzeugen und von denen die Bevölkerung sowie Gemeinden nichts haben sollen der Vergangenheit angehören. Juristische „Schlupflöcher“ werde man schließen.

„Nachhaltigkeit“ konkreter definieren

Wenn man von Wachstumsgrenzen spricht, ist die Nachhaltigkeit nicht weit. Die Tiroler Tourismuswirtschaft erhebt den Anspruch, eine wegweisende Rolle in der nachhaltigen, alpintouristischen Entwicklung auf ökologischer, ökonomischer und sozialer Ebene einzunehmen. Konkret sollen in allen Tiroler Regionen ab 2022 institutionalisierte Nachhaltigkeitsstandards und das neugeschaffene „Österreichische Umweltzeichen“ für Destinationen eingeführt werden.

Im Bereich der Mobilität soll die Anreise der Gäste von derzeit 10 Prozent öffentliche Anreise auf 20 Prozent bis 2035 gesteigert werden. Bei der Vor-Ort-Mobilität wird bis 2035 eine 100%ige Nutzung regenerativer Antriebsformen angestrebt.

Zudem will Tirol bis 2035 nur noch „klimaneutrale“ Skigebiete. Dabei werden neue Technologien konsequent zum Einsatz gebracht und verbleibende unvermeidbare Emissionen durch regionale Klimaschutzprojekte ausgeglichen. Auch die Tourismusbetriebe werden im Bereich der Nachhaltigkeit in den drei Dimensionen ökologisch-sozial-wirtschaftlich gefördert. Festgelegt wurde ein erhöhter Fördersatz von 80 Prozent für die Tiroler Beratungsförderung bis 2025.

Nachhaltigkeit ist auch bei den handelnden Akteuren der Tourismuswirtschaft gefragt. In den kommenden 15 Jahren steht die Betriebsübergabe von rund 2.600 Unternehmen an. Die muss gemeistert werden, um die seit Jahrzehnten erfolgreiche familiengeführte Struktur im Tiroler Tourismus zu erhalten. Im Tiroler Weg gibt es ein großes Bündel an konkreten Zielsetzungen und Maßnahmen, um diese Familienunternehmen zu unterstützen. Besonderes Augenmerk soll dabei auch den Privatvermietern und Urlaub am Bauernhof-Betrieben geschenkt werden.

Buchungslage macht zuversichtlich

Die Rolle und Arbeit der Tourismusverbände wird sich wandeln, die sich noch stärker im Lebensraum-Management einbringen sollen. „Ganz konkret wird künftig die Abstimmung von Verbänden mit den Gemeinden, mit den Planungsverbänden und dem jeweiligen Regionalmanagement forciert“, so Platter. Auch auf dieser Ebene wird der Tiroler Tourismus künftig noch stärker mit der heimischen Bevölkerung kommunizieren und um diese „werben“ – denn auch die Konzentration auf die Nahmärkte ist eine Entscheidung für nachhaltige Urlaubsformen. Bei den Tirolern selbst und aus Restösterreich gibt es noch viel Potenzial.

Aktuell ist die Anziehungskraft des Bundeslands ungebrochen und – wie aktuelle Umfragen zum Image, aber auch zu den Reiseabsichten etwa im wichtigsten Markt Deutschland zeigen – sogar noch gestiegen. Aufgrund der noch sehr unterschiedlichen internationalen Reiseregelungen sei das von Tirol Werbung und Wirtschaftskammer Tirol erstellte Tourismusbarometer für die diesjährige Sommersaison noch etwas verhalten. Aber knapp die Hälfte der Tiroler Unterkunftsbetriebe ist derzeit mit der Buchungslage für die Monate Juli, August und September zufrieden bzw. sehr zufrieden.

Neue Kriterien

Die Tourismusentwicklung wird künftig noch viel stärker an ganzheitlichen Kriterien gemessen. Unter dem Motto „weiter, schneller, höher“ zählten früher nur Nächtigungen bzw. Ankünfte, dann rückten die Bettenauslastung und die Wertschöpfung als wirtschaftliche Kennzahlen in den Mittelpunkt. Die gesunde Entwicklung des Tourismus wolle man künftig nun auch an gesellschaftlichen, ökologischen oder Zufriedenheits-Kennzahlen messen. Ein neuer Tiroler Tourismus-Index soll diesen ganzheitlichen Blick auf die touristische Entwicklung schaffen. Die wirtschaftlichen Kennzahlen werden mit gesellschaftlichen Messgrößen wie Tourismuswahrnehmung oder soziale Faktoren wie Mitarbeiterzufriedenheit oder Wiederbesuchsabsichten und ökologische Messgrößen wie Anteile regenerativer Energien ergänzt bzw. treten diese sogar in den Vordergrund.

Und bestimmte „Exzesse“ sowie mancherorts ausufernde Tendenzen im Bereich des Partytourismus passen nicht in das angestrebte Qualitätsverständnis. Hier werde man in Zukunft viel genauer darauf achten und reagieren, versprach der Landeshauptmann.

Kommunikationsoffensive über die Bedeutung des Tourismus

„Wir haben klare Verantwortlichkeiten festgelegt, damit die Umsetzung Schritt für Schritt als verbindlicher Prozess stattfinden kann. Das Tyrol Tourism Board wird hier eine ganze wesentliche Rolle einnehmen“, so Günther Platter. Dieses wurde unlängst neu aufgestellt und Mario Gerber, Hotelier und Spartenobmann Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Tirol, zum Vorsitzenden gekürt. Wichtig ist auch der Dialog mit der Bevölkerung, der Tiroler Weg sieht eine Kommunikationsoffensive auf vielen Ebenen vor. „Der Tourismus muss die Bevölkerung wieder mit ins Boot holen.“

Florian Phleps, Geschäftsführer Tirol Werbung, betont: „Der heute präsentierte Tiroler Weg ist ein Perspektivenwechsel, der auch den Wertewandel in unserer Gesellschaft widerspiegelt. Werte wie Natur, Freiheit und Sicherheit haben in den letzten Monaten noch mehr an Bedeutung gewonnen. Und das Signal unserer Tourismusstrategie ist klar: Wert statt Menge. Dieses Selbstverständnis wird in diesem Tiroler Weg weiter geschärft. Nachhaltigkeit, Familienbetriebe, Generationswechsel, Dialog und neue Kennzahlen zur Erfolgsmessung sind wichtige Grundpfeiler einer nachhaltigen, resilienten Tourismusentwicklung.“

Hier können Sie den Tiroler Weg downloaden.

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