09.12.2019

"Bewusste Inszenierung schärft Position"

Matthias Imdorf studierte zunächst Bautechnik und Kunst, heute führt er gemeinsam mit Mitbegründer Roberto Di Valentino die Agentur Erlebnisplan im Schweizer Luzern, eine auf touristische Problemstellungen fokussierte Kreativ- und Strategie-Agentur.

Hotel & Touristik: Ist es nicht ein Urthema der Hotellerie, sich zu inszenieren?

Matthias Imdorf: Genau so ist es - Ohne das Phänomen Inszenierung keine moderne Hotellerie! Seit der breiten Entdeckung des „Szenischen Erlebens“ innerhalb einer neu sich bildenden, bürgerlich geprägten und zunehmend industrialisierten Gesellschaft im 18. Jahrhundert stellt die Inszenierung eine Schlüssel-Expertise nicht nur für die Hotellerie, sondern für die Konsumgüter- und Service-Industrie im Allgemeinen dar.

Warum ist das Schlagwort Inszenierung im Tourismus gerade in aller Munde?

Vielleicht weil sich auch die Tourismusbranche in den vergangenen Dekaden einer progressiv explodierenden Nachfrager gegenüber sieht. Skalieren ist also gefragt: Kapazitäten aufbauen und möglichst Rendite-wirksam bewirtschaften. Sobald sich die Ressource Gast, und heute vielleicht noch viel stärker die Ressource Mitarbeiter, verknappt, wird die Differenzierung wieder wichtiger - und diese geht nun mal gerade in der Hotellerie mit der Kunst der Inszenierung einher.

Was braucht es heute, um den Tourismus und die Hotellerie erlebbar zu machen?

Die Erlebbarkeit des Tourismus und der Hotellerie erachte ich als von Vornherein gegeben. Diese geht mit dem Erlebnis-Motiv, also mit einer spezifischen Erwartungshaltung des Gastes einher. Die Frage stellt sich eher, wie das Gäste-Erlebnis in der Hotellerie verbessert werden kann, wie wir Gäste-seitige Erwartungshaltungen erfüllen und im besten Falle übertreffen können.

Wo verläuft Ihrer Meinung nach die Grenze von guter (erfolgreicher) Inszenierung und aufgesetztem (weil nicht authentischem) Storytelling?

Authentische Geschichten erscheinen schlüssig und berühren. Um diese Schlüssigkeit zu gewährleisten, gehört die Position des Absenders - in unseren Fall die Destination, das Haus und der Wirt - genauso in die Entwicklung des Skriptes mit einbezogen wie die Befindlichkeit und Erwartungshaltung des Empfängers - also des Gastes. Für gelungenes Storytelling ist vor allem Aufmerksamkeit, Sorgfalt, Engagement und wahrscheinlich auch eine Portion Talent gefragt. Aufgesetzt wird es, wenn zu viel Leichtfertigkeit und Nachlässigkeit gepaart mit Einfallslosigkeit im Spiel ist.

Ersetzt Ihrer Meinung nach Inszenierung heute die Positionierung, oder gar die Innovation?

Ein bewusster Inszenierungs-Prozesse schärft die eigene Positionierung - und sie zeigt gleichzeitig auf, wie diese Positionierung erlebbar, also marktwirksam wird. Oder anders rum gesagt lässt sich eine schlagkräftige Positionierung erfolgreich umsetzen, wenn sich bei der Gestaltung von strategischen und operativen Leitlinien, nebst der grossen Kunst des Erbsenzählens, vermehrt auch die ästhetische und dramaturgische Expertise einbringt.

Innovation wiederum ist eine andere Geschichte. Sie referenziert das Alte mit dem ersehnten zukünftigen Neuen. Und um den Packen nicht zu überladen, würde ich dieses Schlagwort in der Inszenierungsdebatte mal aussen vorlassen. Ich seh’ die Inszenierung ganz im Sinne eines erfüllenden Gastgebertums und glückseligen Gästen.

Mehr zu den spannenden Ein- und Ansichten von Matthias Imdorf können Sie beim ÖHV-Kongress 2020 in Bregenz erleben, wo Imdorf als Speaker eingeladen ist.

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