10.02.2021

Biertod

Die britischen Pubs müssen Millionen Liter ihres Hauptumsatzbringers vernichten, in Österreich droht ab dem 15. Februar die bierige Götterdämmerung. Nieder mit der Wegschüttkultur! Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Drei der schwierigsten Dinge, die man sagen kann, sind wohl „Ja, ich lag falsch“, „Ich brauche Hilfe“ und „Worcestershiresauce“. Lassen Sie uns bei den ersten beiden bleiben. In Großbritannien müssen laut Berechnung der British Beer and Pub Association als Folge des Corona-Lockdowns insgesamt fast 50 Millionen Liter Fassbier vernichtet werden. Das entspricht etwa 495.000 Badewannen voll Bier, wie die BBC berichtete. Warum die Briten als Maßangabe Badewannen heranziehen, ist unklar, bietet aber spannende Möglichkeiten für uns Journalisten. 

Vielleicht sollte man die Menge an leeren Hotelzimmern in Zukunft in Fußballfeldern angeben. In Wien zum Beispiel, denn hier ist man bei der statistischen Auswertung sehr umtriebig, gibt es 411 Hotels mit 34.495 Zimmern und 68.504 Betten. Im Dezember lag die Zimmerauslastung bei gerade einmal 7,5 Prozent. Bei 31.908 leeren Zimmern mit je durchschnittlich 15 Quadratmetern Größe – nur um einen Wert anzunehmen – wären das dividiert durch die durchschnittliche Fußballplatzgröße 67 leere Fußballfelder. Hört sich eigentlich gar nicht so viel an. Was jammert er denn, der Tourismus?

Die Briten mussten übrigens schon im ersten Lockdown umgerechnet 70 Millionen Pints – ein Pint sind zirka 568 ml, was 1.893 Covid-Impfdosen entspricht – Ale und Co entsorgen. Und jetzt wieder: Obwohl die Gastronomen bei ihren Bestellungen zurückhaltender geworden sind, bleiben die Pubs auf ihrem Lagerkontingent sitzen. Alle Fassbiere mit abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatum gehen zurück an die Brauereien und werden dort entsorgt. Die kann man nicht einmal mehr als Wunderlinge in Billa-Filialen verkaufen, schon gar nicht in England.

Und nicht nur Bier, bereits im April berichtete die Royal Association of British Dairy Farmers (RABDF) von Millionen Litern weggeschütteter Milch, weil der Absatz in der Gastronomie weggebrochen war. Wie viel Liter – oder besser Schwimmbecken in olympischer Größe – Milch in der Themse landeten, ist unbekannt. 

In der Wirtschaft wird das „survival of the fittest“ durch „survival of the luckiest“ abgelöst. Da kann man noch so sehr von Chancen sprechen, wenn uns der Meteorit auf den Schädel knallt, sind wir hin. Ausweichen ist für die meisten unmöglich. Mitte Februar entscheidet sich, ob in Österreich Gastro und Hotellerie ab 1. März nach acht Schließmonaten – oder besser 8,57 Leben einer männlichen Stubenfliege – wieder irgendwie öffnen dürfen. Vielleicht nur mit aktueller Eintrittstestung vom letzten Friseurbesuch? Dann weiß man, ob es auch bei uns zur großen Wegschüttung kommen muss. 

Die Statistik ist durch die letzten Corona-Monate sicher ruiniert: Österreich lag zuletzt mit 107 Litern Bierkonsum pro Kopf und Nase und Jahr im globalen Vergleich an zweiter Stelle hinter unseren tschechischen Nachbarn. So viel Bier können wir privat gar nicht trinken, um den Ausfall der touristischen Mittrinker aufzuholen – schon gar nicht, seitdem Garagenpartys so verpönt sind. Und Fassbier-to-go wartet noch auf seinen Durchbruch. Ja, selbst der volle Einsatz eines mir bekannten, im Ort passend als „Biertod“ bezeichneten Grenzgängers wird den Absturz nicht abwenden.   

Die nach dem Krisen-Armageddon dann übriggebliebenen Pubs, Beisln, Wirte, estiatória, ristorante und Co – ob nun Lieblingsgastronom in der Heimat oder spannende Entdeckung im Urlaubort – brauchen dann unsere Unterstützung. Anstatt Jüngstes Gericht lieber das jüngste Gericht. Und statt angezipft vom Lockdown lieber frisch Gezapftes im Krügerl. Das bringt uns so viel Lebensfreude, wie eine handelsübliche Badewanne fassen kann. Wenn nicht sogar mehr.

t.schweighofer(at)manstein.at

 

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