11.02.2022

Carnifex Maximus

Er wollte eigentlich Fleischhauer werden, gestand der Papst in einer Talkshow der italienischen RAI. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Kennt hierzulande noch jemand Johannes Poigenfürst? Er war jener Chirurg und Chefarzt des Wiener UKH, der das verletzte Knie von Thomas Muster wieder zusammenflickte. 1989, nach dem Einzug ins Finale von Key Biscane, wo bereits Ivan Lendl wartete, rang Muster in einem epischen Kampf den Franzosen Yannick Noah im Halbfinale nieder. Ausgepowert und fertig fuhr er in sein Hotel und wurde dort von einem Betrunkenen niedergefahren und sein rechtes Knie ruiniert. Die Tennis-Ikone wurde in Wien von Poigenfürst operiert – Kreuz- und Seitenbänder wieder zusammengenäht – wenige Tage später sah man Muster mit einem Gips vom Knöchel bis zur Hüfte auf einer schmalen Bank sitzend mit dem Tennisschläger auf Bälle dreschen, die ihm Trainer Ronnie Leitgeb zuschupfte. Bilder, die um die Welt gingen. Und ein Arzt, den binnen Tagen jeder kannte – zumindest in Österreich.

Das Gesetz dieses plötzlichen Ruhms schreibt vor, Teil der medialen Öffentlichkeit zu werden. So nahm Poigenfürst im Ö3-Studio Platz und setzte sich den Fragen von Claudia Stöckls Sonntags-Talksendung aus. In „Frühstück bei mir“ offenbarte der „Retter von Musters Knie“ Stationen seines Lebensweges: „Bevor ich Medizin studieren durfte, musste ich Fleischhauer lernen“, entstammt der Starchirurg doch einer Wiener Dynastie von Pferdemetzgern und das Wort des Vaters war damals Gesetz und wurde befolgt. Interessant dabei war, dass Poigenfürst diese Vorbildung sehr zu schätzen wusste: „Von diesen handwerklichen Fähigkeiten profitiere ich noch heute“, ließ er auch Bewunderung und Respekt für diesen Berufszweig durchklingen.

Was macht das Wetter?

Vergangenen Sonntag wurden unsere südlichen Nachbarn in Italien Zeugen eines ähnlichen – in seiner Bedeutung jedoch etwas höher einzustufenden – Vorfalles. Den TV-Abend des Feiertags regiert nicht wie nördlich der Alpen der „Tatort“, sondern die Talksendung „Che tempo che fa“. In diesem Weichspülformat, das übersetzt ungefähr so viel heißt, wie „Was macht das Wetter?“, werden Gäste nicht, wie es in der Mediensprache heißt, „gegrillt“ – also mit hartnäckigen Fragen drangsaliert –, sondern mit Wohlwollen behandelt. Das dürfte auch den Ausschlag für die äußerst prominent besetzte Gästeliste geben: Barack Obama, Meryl Streep, Bill Gates, Adele, Emmanuel Macron, Greta Thunberg, Anastacia, Lady Gaga – die Liste lässt sich fortsetzen.

Nun gelang Talkmaster Fabio Fazio allerdings ein Coup, der weltweites Aufsehen erregte: Zu Gast war niemand Geringerer als Papst Franziskus. Natürlich mühte sich der Bischof Roms nicht in die Mailänder Studios der RAI, sondern kam in den Genuss einer Live-Schaltung, wo er im Wohnzimmer eines vatikanischen Gästehauses platznahm und ungezwungen mit Fazio parlierte. Im kollegialen Du gehalten (der eine versammelt Millionen in der Kirche, der andere vor dem Fernseher) wurden persönliche Allgemeinplätze des Geistlichen abgearbeitet. Zum Beispiel, dass er lieber im Gästehaus wohne, als im apostolischen Palast. Es gehe ihm um Kommunikation, Kontakte, Gespräche.

Vom Carnifex zum Pontifex Maximus

Zur Sprache kamen auch Bergoglios geliebte Ausflüge, wenn er dem vatikanischen Protokoll ausbüchst. Wie zuletzt, als er einen römischen Plattenladen von Freunden aufsuchte, um im Klassikangebot zu schmökern. Fazios Fragen wichen Problemfeldern wie Zölibat, Kindesmissbrauch und Amtskirche weiträumig aus und förderten dennoch Überaschendes zutage. So zum Beispiel, als Franziskus öffentlich bekannte: „In meiner Jugend wäre ich am liebsten Fleischhauer geworden. Wenn wir auf den Markt gingen, haben die Metzger das meiste Geld in die Taschen gesteckt. Das hat mich schon beeindruckt.“

Dieser Episode folgte mit 19 schlussendlich doch der Ruf zu Gott und der Tango-vernarrte Bergoglio – „jeder Porteno liebt den Tango“ (Portenos werden die Einwohner Buenos Aires genannt) schlug unumkehrbar eine geistliche Laufbahn ein.

Dieses Geständnis macht uns den Papst auf unschlagbar sympathische Weise nahbar und zu einem von uns. Was für ein Unterschied zu seinem(-n) Vorgänger(-n). Darüber hinaus erwies er mit diesem Bekenntnis der Fleischhauer-Gilde einen unschätzbaren Dienst. Ein Berufsstand, der sich aus vielerlei Gründen in höchster Not befindet: die Sorge um das Tierwohl, die Tatsache des Schlachtens, Massentierhaltung als Bedrohung für den Planeten.

Vom Fleischhauer zum Papst – vom Carnifex zum Pontifex – was für ein schönes Bild. Danke, Bergoglio!

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