14.01.2022

Das dauernde „Auf- und Zusperren" muss ein Ende haben

Die Österreicher sind "hungrig auf Urlaub", die Saison hänge allerdings noch "am seidenen Faden", wie es WKÖ-Tourismus-Obmann Robert Seeber nennt. Ein besonderes Problem sei die "unselige Sperrstundenregelung". Die Betriebe sind wenig optimistisch, fast die Hälfte hätte die Krise ohne Hilfe wirtschaftlich nicht überlebt.

Traditionell zum Jahresbeginn präsentiert die Wirtschaftskammer-Fachgruppe Tourismus und Freizeitwirtschaft ein Stimmungsbild aus der Branche, das sich diesmal sehr zwiespältig liest. Die Befragung des market-Instituts von 1.000 Menschen Ende Dezember ergab, dass 39 Prozent heuer einen Winterurlaub planen, vor allem die Jüngeren sind motiviert – das ist der höchste Wert der jüngsten zehn Jahre. Mitte Jänner würde sich das Bild sehr wahrscheinlich jedoch anders darstellen.

Dieses Umfrageergebnis macht der Branche große Hoffnung auf einen Aufschwung in naher Zukunft, der heurige Winter hänge allerdings noch „am seidenen Faden“, wie es der Gastrounternehmer und WKÖ-Tourismus-Obmann Robert Seeber nennt. Denn zu viele Unsicherheiten bestehen noch, um die Saison als gesichert anzusehen.

Ein schwieriger Winter

Auf Seite der Tourismusbetriebe war schon Ende Dezember ersichtlich, dass es noch kein Winter wie damals werden wird. Lediglich 2 Prozent waren laut Befragung, die market unter 500 Betrieben durchführte, sehr positiv zur Wintersaison, 23 Prozent zumindest eher positiv. Am anderen Ende der Skala zeigten sich 64 Prozent eher negativ und sehr negativ in ihrer Erwartungshaltung. 25 Prozent der Befragten rechnen mit weniger und gar keinen Umsatz diesen Winter. Zu Weihnachten verzeichneten die Betriebe ein Auslastung von durchschnittlich 70 bis 90 Prozent, im Jänner sind es nur mehr 20 bis 25 Prozent.

Als größte Herausforderung wird aktuell die mangelnde Planungssicherheit betrachtet (80 Prozent); ebenso die komplizierten Corona-Regeln (78 Prozent) und mögliche Reisewarnungen für Österreich in wichtigen Märkten (74 Prozent). Der Aufwand der Corona-Kontrollen ist zwar auch für zwei Drittel der befragten Betriebe ein Thema, folgt aber doch erst mit Abstand dahinter.

Wirtschaftshilfen als Standort-Sicherung

Die wirtschaftliche Stabilität des eigenen Betriebs wird hingegen vorwiegend als sehr gut (22 Prozent) oder gut (48 Prozent) bewertet, wenn auch diese im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie für 19 Prozent deutlich schlechter und 48 Prozent schlechter eingeschätzt wird. „Die Branche leidet unter Corona!“, betont nochmals market-Institutsvorstand David Pfarrhofer. 

52 Prozent der Betriebe haben Wirtschaftshilfen in Anspruch genommen, 61 Prozent der Hotels und mehr Betriebe im Westen (55 Prozent) als im Osten (49 Prozent). Die Höhe der Unterstützung wurde als angemessen empfunden, bei der Abwicklung sieht man allerdings noch Potenzial. Zwei Fünftel der Tourismusbetriebe, die Wirtschaftshilfen in Anspruch genommen hat, hätte die Krise ohne Hilfen nicht überlebt. „Bei diesem Thema steckt Emotion drinnen, das hat man in den Telefonaten mit den Betrieben rausgehört“, erzählt David Pfarrhofer von der Befragung.

Das Ende des Auf-Zu

Seeber forderte am Donnerstagabend vor Journalisten ein Ende des dauernden „Auf- und Zusperrens, das hält der Tourismus nicht aus“. Man müsse eine „praxisnähere und pragmatischer Lösung“ finden wie es zum Beispiel die Schweiz vorlebt, wo trotz höherer Fallzahlen kein Hotel geschlossen sei. „Wir müssen lernen, mit der Pandemie zu leben“, fasst Robert Seeber die Stimmungslage in der Branche zusammen.

Positiv sei aber, dass „die Branche spürt, es wird wieder super werden, wenn der Peak überwunden ist“. Das könne man sagen, da es eine sehr urlaubsfreudige Stimmung in der Bevölkerung gebe. „Ich bin überzeugt davon, dass wir wieder einen super Sommer kriegen werden. Wir müssen nur das mit der Impfquote hinbringen. Dann könnten wir über den Berg sein.“

„Die Spaltung spüren wir in allen Zahlen“

Spuren im Nervenkostüm aller haben die Pandemie im Allgemeinen und die Debatten um die Impfung im Besonderen aber doch hinterlassen. „Die Spaltung spüren wir in allen Zahlen“, so Pfarrhofer. Umgeimpfte wollen deutlich seltener auf Urlaub fahren. Allerdings dürften die Hoteliers nicht als die Schuldigen angesehen werden, daher geht Pfarrhofer nicht davon aus, dass das langfristig dem Tourismus schaden wird. Auch zeigen die Zahlen, dass der Zusammenhalt des Personals noch im Vorjahr deutlich stärker war.

„Zusperren tut uns nicht gut“, so Pfarrhofer, das zeige sich auch in den Daten. Wenn der Chef das Personal nicht oder selten sieht, wenn das Personal die Gäste nicht sieht, dann sinke die Begeisterung und steige die Bereitschaft, die Branche zu wechseln.

20.000 Arbeitnehmer und 2.000 Lehrlinge fehlen

So warnt auch Seeber, dass der Personalmangel neben Corona „die größte Baustelle“ der Branche ist. „Es fehlen uns an allen Ecken und Enden die Fach- aber auch die Hilfskräfte“. Er selber sei geneigt, jeden Arbeitswilligen gleich einmal anfangen zu lassen, bevor er lange den Lebenslauf oder die Qualifikationen überprüft.

15.000 bis 20.000 Arbeitnehmer fehlen der Branche derzeit, rund 2.000 Lehrlinge seien verloren gegangen, auch weil sie angesichts von Schließungen nicht ausgebildet werden konnten. In Westösterreich suchen sich aktuell viele Arbeitskräfte einen Job in der Schweiz und Südtirol, weil die Betriebe dort offenhalten durften.

Nötig seien flexiblere Arbeitszeitmodelle, Mitarbeiter-Wohnmöglichkeiten und Kinderbetreuung aber auch erleichterte Jobchancen für Asylwerber. Ganz grundsätzlich seien die Arbeitgeber gefordert, sich mehr um Mitarbeiter und deren Bedürfnisse zu bemühen, so der Branchenvertreter.

(Schweighofer / APA)

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