03.11.2021

Das Glas wäre halbvoll

Die Wiener Stadthotellerie liegt zwar zur Hälfte bereits wieder am Nächtigungsniveau von 2019, überm Berg ist man - auch wenn das Glas quasi wieder halbvoll ist – damit aber noch nicht. Ein Kommentar von Brigitte Charwat. 

Nach einem erfreulichen August brachte auch der September dem Wien Tourismus mit mehr als 800.000 Nächtigungen im Vergleich zum vergangenen „Seuchenjahr“ ein Plus von 110 Prozent und anzunehmen, dass auch der Oktober ähnlich erfreulich ausfällt. Es ist der 25.Oktober, und wie wir Ösis so schön sagen, ein Fenstertag. Weil sich dieser Montag zwischen das vergangene Wochenende und den tags darauf folgenden Nationalfeiertag schiebt und sich somit bestens für einen Kurzurlaub oder auch nur einen spontanen Stadtspaziergang durch die Wiener City anbietet. Die sich in diesen Tagen dem Besucher aus nah und fern – und es sind tausende – bei prächtigstem Herbstwetter in ihrer ganzen imperialen Pracht präsentiert.

Alle Geschäfte sind geöffnet und locken mit unschlagbaren Angeboten und auch der Schani hat den Garten noch nicht hineingetragen. Das wird er übrigens, wie schon den letzten Winter auch heuer nicht tun, sondern vielmehr Kuscheldecken und Heizschwammerln auspacken und die Schanigartensaison wird derart wärmend ausgerüstet, somit nahtlos in die nächste Freiluftsaison übergehen. Kuscheldecke und Heizschwammerl fristen an diesem 25. Oktober allerdings ein noch eher einsames Dasein. Die Herbstsonne am blitzblauen Himmel drückt nämlich ordentlich auf die Tube und in den Schanigärten herrscht Hochbetrieb. Apfelstrudel und Wiener Melange werden vom Herrn Ober im Akkord serviert, während an den bis auf den letzten Platz besetzten Schanigärten das fröhliche Gewusel unterschiedlichster Sprachprägungen an diesem herrlich warmen Herbsttag von der Kärntner Straße über den Stephansplatz und Graben, weiter über den Kohlmarkt bis zur Hofburg und den Burggarten vorbeizieht. Ein schönes aber doch auch irgendwie seltsam fremd anmutendes Bild.

Dem Einheimischen, der sich ebenfalls nichtsahnend an diesem Fenstertag in die Wiener City begibt, fällt durchaus mit großer Freude aber beim Blick auf diese lange Karawane halt auch mit einiger Sorge auf, dass die Normalität in sein schönes Wien zurückzukehren scheint. Denn endlich sind sie wieder da, endlich können und dürfen sie aus vielen Ländern wieder kommen, die deutschen, italienischen, polnischen, französischen, rumänischen, israelischen oder Schweizer Gäste. Und auch das eine oder andere laute „Hello Vienna, so nice to be here again“ ist wieder zu hören, weil sich auch wieder die ersten Touristen aus den USA unter das bunte Länder-Konglomerat mischen, das sich da brav – wie die am Straßenrand auf Touristenkundschaft wartenden Fiaker-Pferde – beim Bitzinger an der Albertina artig auf Abstand und geduldig wartend um ein Paar Frankfurter anstellt. Früher, also in unserem anderen Leben, hätte zumindest der Wiener ob dieser Menschenansammlung mit einer grantigen Bemerkung – „wegen a poar unnediga Würschtl“ – verständnislos den Kopf geschüttelt bzw. wäre diese bei Wiens Klassiker unter den Wüstelständen vielleicht gar nicht so weit über den Albertinaplatz hinausgegangen. 

Für mich, die ich nach langer Zeit diesen Fenstertag eben auch für einen herbstlichen Stadtspaziergang nutze, hat dieses eigentlich nicht wirklich bemerkenswerte Bild von zig Menschen unterschiedlichster Herkunft und hoffentlich alle geimpft, genesen oder zumindest frisch getestet eine enorme Anziehungskraft. Weil, auch wenn’s vielleicht trivial klingt, die Stimmung, die hier das Geschehen prägt, ist pures Leben, Fröhlichkeit und Optimismus. Und wahrscheinlich hätte mir, so ich mich denn auch in diese lange Würstel-Warteschlange eingereiht hätte, die Haaße (Burenwurst) noch nie so gut geschmeckt wie an diesem Fenstertag im Oktober. Nur liegt halt leider unser aller Wohl nicht beim Bitzinger im Würstelkocher, denn wär‘s so, wär‘s einfach und damit wäre dann auch nicht nur WienTourismus endgültig überm Berg. Denn, dominiert von der Resistenz der eindimensional Denkenden ist – beim Blick auf die wohl berühmteste Kurve der Welt – die Unberechenbare und leider nicht das knackige Burenheidl weiterhin die Konstante.  Somit bleibt auch unser Miteinander ein sehr fragiles Konstrukt und unser Leben damit ein weiterhin kompliziertes.

„Ich weiß schon, das alles ist sehr kompliziert, wie diese Welt, in der wir leben und handeln, und die Gesellschaft, in der wir uns entfalten wollen. Haben wir daher den Mut, mehr als bisher die Kompliziertheit darzulegen, zuzugeben, dass es perfekte Lösungen für alles und für jeden in einer pluralistischen Demokratie gar nicht geben kann. Helfen wir mit, dass die simplen Denkmuster in der Politik überwunden werden können und dass wir die notwendigen Auseinandersetzungen für einen demokratischen Willensbildungsprozess ohne Herabwürdigung der Demokratie führen können.“ Das sagte der siebte Bundeskanzler in der zweiten Republik Österreich, Fred Sinowatz, in seiner Regierungserklärung im Mai 1983 …

b.charwat(at)manstein.at
 

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