28.03.2021

Dem Neuburger eine faire Chance

Wie steht es um die als „Schnitzelwein“ verschriene Rebsorte? Eine Online-Verkostung der Sommeliervereine Oberösterreichs und Salzburgs ging dieser Frage auf den Grund.

Den Abschluss einer mehrteiligen Online-Verkostungsreihe bildete im März die Rebsorte Neuburger. Während Weine dieser Sorte vor 50, 60 Jahren auf keiner Karte fehlen durften, fristet die unter den Winzern als „Diva“ verschriene Rebsorte heute leider ein Dasein als Randerscheinung, wenn sie überhaupt den Weg ins Angebot findet. Völlig zu Unrecht wie eiserne Verfechter des Neuburgers meinen. Dazu gehören die Winzer Erwin Tinhof, der Mantlerhof in Gedersdorf, Gernot Heinrich in Gols aber auch das Weingut Feiler-Artinger in Rust. Diva deshalb, weil der Neuburger dichtbeerig und dickschalig wächst, was die Trauben bei Feuchtigkeit gern anfällig für Fäulnis macht. Geschmacklich gesellt sich die Schwierigkeit dazu nicht zu sehr durch Aromatik aufzufallen. Das macht es schwieriger, eine individuelle Handschrift in der Vinifizierung zu erzielen. Positiv wiederum ist zu erwähnen, dass keine Rebsorte den Boden im Geschmack so herrlich repräsentiert, wie der Neuburger. Viele Verfechter sehen in ihm auch den echten Klimagewinner, weil immer heißere und trockenere Sommer gerade dieser Rebsorte sehr zupass kommen.

Acht Proben, sechs Neuburger, zwei Piraten

Von acht anonymisierten Kleinflaschen waren sechs Proben Neuburger quer durch die Weinbaugebiete. Bereits bei Wein Nr. 1 legte die Domäne Wachau mit einer Fassprobe ein herrliches Zeugnis großer Neuburger-Kultur ab: äußerst helles grün-gelb, fast weiß in der Farbe; im Duft leichte Kräuternoten und etwas grüne Haselnuss spürbar; am Gaumen ein rasanter Auftritt von einer etwas höheren Säure getragen und dem typischen Bitterl an den Rändern und im Ausklang.

Wein Nr. 2: Der Neuburger 2019 vom Weingut Mantlerhof in Gedersdorf stellte sich als ein Stück komplexer vor: etwas wärmer und fruchtbetonter im Bukett mit Anklängen an gelbe, reife Birne; gut eingebundene, nicht zu dominante Säure am Gaumen, körperbetont, schöner Schmelz mit leichten Mandeltönen, fast eine wenig an Cantuccini erinnernd. Der perfekte Wein zu einem deftigen Brot mit Ganslschmalz nach getaner Arbeit auf der Hofbank.

Wein Nr. 3: Das Weingut Fuhrgassl-Huber macht mit seinem Neuburger sein winzerliches Talent offenbar; der erste Duft erinnert an kalten Rauch, Kräuter, Gewürze, eine etwas vegetative Note, insgesamt aber leichtfüßig und schlank; straffer, druckvoller Auftritt am Gaumen mit salzig-rauchigen Anklängen, geformt und getragen von einer genialen Säure.

Wein Nr. 4 vom Weingut Tegernseehof: dichtes Mittelgelb im Glas, sehr fruchtbetontes Bukett im Glas, am Gaumen mit einem ganz leichten Zuckerspitzerl ausgestattet und leicht bitteren Gerbstoffen an den Rändern. Ähnelt in der Aufmachung stark dem Rotgipfler.

Wein Nr. 5 vom Weingut Gernot Heinrich in Gols sticht schon durch sein besonderes Bernstein-Licht hervor; im Duft klare Kräutertöne und etwas weiße Ribisel; viel Druck auf der Zunge mit schöner Mineralik unterlegt, etwas salzig und frische Mandeln im Geschmack. Ein Orange-Wein von ausgesuchter Güte, den Heinrich in tönernen Amphoren reifen ließ.

Wein Nr. 6,Weingut Feiler-Artinger in Rust: funkelndes Mittelgelb mit leichten Grünreflexen; im Duft etwas Brioche und Marille, ein Hauch von Feige; im Geschmack extraktsüße Aromen, perfekt geschliffen und ein akribisch modellierter Körper, der für einen tollen harmonischen Trinkfluss sorgt. Erinnert in seiner Geschliffenheit an höchste Wachauer Smaragdkultur und zeigt umso mehr, wozu die Rieden rund um Rust fähig sind.

Neuburger hat mehr verdient als ein Alibidasein

Wie bei den bisherigen Online-Verkostungen der Sommeliervereine bereits üblich wurden auch dieses Mal zwei Piraten ins Panel geschmuggelt. Ein Weißburgunder vom Weingut Lackner-Tinnacher aus der Steiermark, der mit seinen Noten nach Melone, Ananas und Grapefruit und etwas Banane als dritte Verkostungsprobe einige Fragen aufwarf. Und als Probe Nr. 5 ein Rotgipfler von Reinisch aus Tattendorf, der viele Teilnehmer auf Glatteis führte: exotische Töne im Duft, Mango, etwas Zeste im Geschmack, leichte Nussigkeit, guter Druck auf der Zunge und eine ausgeprägte Mineralik. Bei vielen wäre dieser Rotgipfler als lupenreiner Neuburger durchgegangen.

Der Neuburger kann was, das steht außer Zweifel. Wenige Wackere pflegen diese Sorte als Kulturgut, die mehr verdient hätte, als ein Alibidasein auf der Speisekarte, die empfohlen wird, wenn einem nix anderes mehr einfällt.

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