16.06.2020

Dem Wiener Klassiktourismus fehlt das Publikum

Im Sommer übernimmt in der Welthauptstadt der Musik während der Sommerpause der großen Häuser traditionell der Klassiktourismus das Ruder. Doch die Veranstalter von Mozart- und Strauß-Konzerten für Touristen stehen heuer wohl ohne Publikum da.

Der kulturelle Lockdown ist vorüber, die Wiener Klassiktempel haben - wenn auch mit starken Einschränkungen - wieder ihre Tore geöffnet. Bald beginnt aber die Sommerpause - und dann übernimmt traditionell der Klassiktourismus das Ruder. Doch stehen Veranstalter von Mozart- und Strauß-Konzerten für Touristen heuer wohl ohne Publikum da.

"Alle reden von den Nöten der Hotels - aber die Touristen kommen nicht wegen der Hotels nach Wien. Sie kommen wegen der Musik", sagt Sylvia Moser, Inhaberin sowohl des Wiener Residenzorchesters als auch des Wiener Hofburgorchesters, im APA-Gespräch. Etwa 150.000 Gäste versorgen die beiden Ensembles in den Räumlichkeiten von Palais Auersperg, Hofburg, Konzerthaus und Staatsoper in einem normalen Sommer mit gediegener Wiener Klassik im leicht zugänglichen Format mit Orchester, Gesangssolisten und Ballett.

Orchester als Lückenschluss

"Es gibt zwischen Hochkulturbetrieb und Kleinkunst oftmals keine Wahrnehmung für diese Konzertunternehmen, die allerdings jede Menge Steuern zahlen, ohne Subvention oder Sponsoring auskommen und wirklich die Touristen nach Wien locken", so Moser. Für viele Wien-Gäste stünde ein Besuch der Staatsoper oder des Musikvereins auf der To-Do-Liste, doch sind sie einmal da, gäbe es oftmals entweder keine Karten mehr oder es ist Sommerpause.

Mit dem Wiener Mozartorchester, das im Musikverein spielt, dem Kursalon Hübner, der Orangerie Schönbrunn sowie den beiden Orchestern aus dem Hause Moser decke man nicht nur ein großes Besuchersegment ab, sondern fungiere darüber hinaus als Arbeitgeber für die große freie Musikerszene in Wien. In puncto Umsatz kann man sich mit den großen Staatstheatern messen.

Internationale Reisegruppen fehlen als Kunden

Nachdem seit dem Corona-Lockdown alles abgesagt wurde, dürfte man in den Sommermonaten eigentlich wieder spielen. Aber die Besucher werden ausbleiben. Für die oftmals als Wolfgang Amadeus gewandeten Verkäufer, die an touristischen Hotspots Konzerttickets anbieten, hatte die Stadt im Vorjahr sogar eigene Zonen definiert. Dabei machen die Individualtouristen, die dabei angesprochen werden, zumindest bei Residenz- und Hofburgorchester nur 15 bis 20 Prozent des Publikums aus. Die große Mehrheit besteht aus Reisegruppen.

"Die Länder, aus denen unsere Gäste kommen, sind von Corona schwer betroffen", erklärt Moser. Die meisten Gruppen reisen aus China, den USA, Südamerika und Korea an. "In China werden noch keine Gruppenreisen verkauft. In den USA und in Südamerika ist daran ohnehin nicht zu denken. Und in Korea sind in den vergangenen Wochen dutzende Reisebüros in Konkurs gegangen."

Vielleicht springen Österreichische Gäste ein

Während Kulturschaffende im Staatssekretariat und die Tourismusbranche im jeweils entsprechenden Ministerium vertreten sind, sehen sich die Touristen-Konzertveranstalter ohne Lobby. Von den Corona-Hilfsmaßnahmen der Regierung wird man zwar profitieren - die Ausfälle einer ganzen Saison werden sie aber nicht kompensieren.

Rosen streut Moser dem "Zusammenhalt innerhalb der Kulturszene": Die großen Häuser hätten sie bisher großzügig aus den Mietverpflichtungen entlassen. Endgültig abgesagt ist der Sommer aber noch nicht. "Vielleicht bekommen wir noch einige Konzerte mit österreichischem Publikum zustande", appelliert Moser etwa an Wien-Touristen aus den Bundesländern.

Einen ersten Versuch wagt das Wiener Residenzorchester am 20., 26. und 27 Juni, wenn man gemeinsam mit dem Auner Quartett ein "Beethoven-Frühlingsfest" veranstaltet. An den drei Tagen werden im Palais Auersperg drei verschiedene Quartett-Programme mit Werken von Beethoven, Grieg und Mozart gegeben - vor 99 Gästen.

(apa/red)

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