21.03.2022

Der liebe Herr Ober

In Willys Gastro-Wochenrückblick geht es diesmal um das Vorurteil vom grantigen Ober und warum der Gast - vor allem Männer - selbst freundlicher sein sollte.

Weil ich‘s in der vergangenen Woche wieder live erlebt habe, möchte ich einmal mehr und sehr, sehr gerne mit einem uralten und hartnäckigen Klischee aufräumen: Der klassische Ober in einem typischen Wiener Kaffeehaus sei ein unverbesserlicher Grantler.

Liebe Leserinnen und Leser, das stimmt so nicht. Ich persönlich, seit meiner Schulzeit ein wirklich intensiver Besucher unserer Kaffeehäuser, kann nur das Allerbeste über den grundsätzlichen Gemütszustand unserer Ober, Kellner und Kellnerinnen berichten. Denn es kommt immer drauf an wie man den servierenden Herrschaften begegnet. Sie wissen ja: Wie man in den Wald hineinschreit …. Vor allem die weiblichen Kolleginnen sind da des Öfteren unschuldiges Objekt der despektierlichen Begierde. Offensichtlich verdammt oft von oben herab plärren die diversen Gäste sehr oft ein „Servierschlitten herbei!“, ein „Geh, Schwester Oberin, host kurz Zeit?“ oder ein eher diskriminierend klingendes „Freun!“, was soviel wie „Fräulein“ heissen soll, egal wie alt, Richtung Personal.

Oft grätscht auch die Anrede „Tschuidigung!“ in die gerade auszuführehde Arbeit, nicht immer optimal vom Timing. Da gilt es wahrlich gute Nerven zu haben um nicht spontan das nächstbeste Kaffeehäferl zu ergreifen und dem Absonderer derlei Anreden treffsicher ins Gesicht zu schleudern. Stattdessen, ein breites Grinsen, ein fröhliches Gesicht, eine positive, einladende Körpersprache und ein freundliches „Der Herr wünschen?“. Doch, ja, es sind stets Männer, die sich dermaßen daneben benehmen, jedenfalls keine Herren im klassischen Sinne.

Werden die Kellner respektive Ober in diesem vielen Gästen eigenen Tonfall herbeigerufen, reagieren auch diese zumeist höflich und äußerlich verzeihend. Auf ein bewusst imperatives „Ober, zoin, owa flott!“ betont freundlich mit einem „Sehr gerne!“, obwohl er dem Gast liebend gerne eine auflegen würde, gefolgt von einem eher erzieherisch klingenden „Damit‘st endlich lernst, wia ma mit aundaren Menschen umgeht.“

Sie sehen, die gesamte Berufsgruppe muss sehr viel ertragen und dabei hab ich die Diskriminierungen durch unangenehme Chefs sowie Mobbingattacken der Kollegen ganz bewusst nicht erwähnt. Aber es erklärt, warum immer mehr Kellner das Serviertuch werfen und in andere Branchen wechseln. By the way: Mein stets freundlicher und zuvorkommender Oberkellner in der vorigen Woche steht unmittelbar vor der Pension. Nachbesetzung gibt es keine. Ich bin aber sicher, er wird fehlen. Nicht nur mir.

redaktion(at)hotelundtouristik.at

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