04.04.2022

Der Mittelstand stirbt aus

Die Tourismuswirtschaft lechzt nach einem guten, aber durchwachsenen Winter nach einem üppigen Sommer. Die Schere zwischen teuer und sehr günstigen Angeboten geht weiter auf, analysieren Tourismusforscher, mit Auswirkungen auf die ganze Struktur.

Der Sommer wird sehr gut. Daran glaubt Robert Seeber, Linzer Gastronom und Obmann der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der WKÖ. „Ich sehe es in meinem eigenen Betrieb, die Leute sind ausgehungert“, sagte er bei einem Tourismussymposium im Hotel Lamark in Hochfügen in Tirol. Die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine lassen sich aber noch nicht abschätzen, für Gäste aus Nordamerika oder Asien ist das ein Grund auf die Europareise zu verzichten. „Das ist ein psychologischer Faktor, es wird nicht nach Ländern differenziert. Wir werden heuer Marktanteile verlieren“, so Seeber, der über zahlreiche Betriebe berichtet, die der Aufforderung gefolgt sind, für Flüchtlinge freie Betten zur Verfügung zu stellen. 

Die Trüffelschweine

Die Branche muss sich jedenfalls auf Veränderungen einstellen. Da spielen neben den geopolitischen Problemen, die in die Höhe schnellenden Preise, der Klimawandel (Stichwort Generation Greta) und die Bedürfnisänderung der Gäste die wichtigsten Rollen. Zukunftsforscher Andreas Reiter ist überzeugt, dass die Zeiten von „anytime and anywhere“ vorbei sind. Limitierungen und Timeslots werden das Angebot einschränken. „Reisen ist kostbarer, wertvoller geworden“, Reiter. Und teurer. 

Die Krisen werden die Segmentierung im Angebot weiter verstärken. Auf der einen Seite die kostensensiblen Milieus, die von der Inflation besonders betroffen sind und sich vermehrt Low-Budget-Angebote suchen werden. Da kommt es im touristischen Angebot zu einer „Automatisation und De-Personalisierung“, also einer Reduzierung der Dienstleitungen. Im Gegensatz dazu spitzen sich die Anforderungen an Top-Leistungen zu. „Konsumenten sind Trüffelschweine der Exzellenz“, zitiert Reiter Umberto Eco. Wer es sich leisten kann, gibt sein Geld gerne für beste Hotels und High-End-Service aus. Der Mittelstand der 2- und 3-Stern-Hotellerie kommt dadurch immer mehr unter Druck und wird aufgerieben zwischen diesen beiden Trends.  

Mehr Qualität, Nachhaltigkeit und Details wie kluge Lösungen für die Anreise und die letzte Meile sind zentrale Punkte für die vielbeschworene Resilienz der Branche. Da sollten auch heilige Kühe keine Daseinsgarantie mehr haben. Mike Peters vom Institut für strategisches Management, Marketing und Tourismus der Universität Innsbruck befürwortet etwa Obergrenzen für Betten pro Betrieb und auch Nächtigungszahlen. Amsterdam zum Beispiel hatte voriges Jahr ein Touristen-Maximum eingeführt.

Besser vorbereiten

Gedanklich schon in den Hintergrund gedrängt, aber dennoch geht das Pandemie-Gespenst weiter munter um. WKÖ-Obmann Robert Seeber kritisiert einmal mehr das Regel-Wirr-Warr und appelliert an die Entscheidungsträger mit Blick auf den Herbst: „Es darf keinen Lockdown mehr geben, sonst haben wir einen Wohlstandsverlust, der sich gewaschen hat“. Die vulnerablen Gruppen müssen besser geschützt werden, für ältere Personen wäre eine Impfpflicht sinnvoll. Seeber fordert „eine faktenorientierte Diskussion“ darüber und eine klare Handlungsanleitung im Fall eines Wiederaufkeimens der Pandemie im Herbst, „sonst haben wir das gleiche Problem wie im Vorjahr“. 

Der Branchensprecher wünscht sich für die Betriebe eine Durchhalteprämie (eine Einmalzahlung an besonders betroffene Betriebe mit mehrmonatigen Umsatzeinbrüchen) und ein Comeback-Bonus. Mitarbeiter, die nach längeren Schließzeiten wieder in ihren früheren Betrieb zurückkehren, sollen einmalig 1.000 Euro steuerfrei erhalten. Und die Engergieabgabenvergütung solle endlich auch für Dienstleistungsbetriebe gelten. 
 

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