18.12.2020

Der Staat – ein Heuchler

Die Regierung will, dass in der GV Lebensmittel zu 100 Prozent aus Österreich angeschafft werden. Nur: Die Verpflegungssätze verharren auf einem erschütternd niedrigen Niveau. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Vor einigen Tagen sagte der Chef der Bundesbeschaffungs-Gesellschaft (BBG), Andreas Nemec, einen interessanten Satz: „Ein möglichst hoher Anteil an heimischen Lebensmitteln in Küchen der Öffentlichkeit sei sicher eine Herausforderung.“ Diesbezüglich müsse es bei manchen Küchenchefs und Controllern wohl einen „Umdenkprozess“ geben.

Vier Euro pro Person und Tag kann sich nicht ausgehen

In der Regierungsvereinbarung des Kabinetts Kurz II steht die Forderung nach einer hundertprozentigen Lebensmittelbeschaffung von heimischen Produzenten in öffentlichen Küchen. Das heißt, Kantinen, Alten- und Pflegeheime, Spitäler, Justizanstalten, Kasernen sollten sämtliche Lebensmittel ausschließlich von österreichischen Herstellern kaufen. Warum das nicht der Fall ist, ist schnell erklärt. Die Verpflegssätze, also jener Betrag, den Küchenleiter pro Patient, Bewohner, Insasse bekommen, liegt auf einem lächerlich niedrigen Niveau. Dieser variiert von 3,60 Euro bis ungefähr 4,80 Euro pro Tag, wohlgemerkt. Das bedeutet: Frühstück, Mittag- und Abendessen. In vielen Fällen soll um diesen Betrag auch noch ein Vormittagssnack oder ein Nachmittagskuchen angeboten werden.

Rund vier Euro also als Vergütung für den Wareneinsatz für die Verpflegung einer Person an einem ganzen Tag. Jeder, der nur das kleine Einmaleins beherrscht, kann sich ausrechnen, dass sich das nicht ausgehen kann. Dazu braucht man beileibe kein BWL-Studium. Und schon gar keinen Controller, der den Küchenchefs bei Budgetüberschreitungen auf die Finger klopft.

Wenn die Regierung schon den Einsatz heimischer Lebensmittel fördern will, was ja an sich kein schlechtes Ansinnen ist, dann müsste gleichzeitig die Vergütung pro Verpflegstag und Person angehoben werden. Das kann die Regierung aber nicht, weil hier die Föderalismuskeule gnadenlos zuschlägt.

Wenn ein Controller über Qualität entscheidet

Der Küchenleiter eines Alten- und Pflegeheimes im Salzkammergut berichtet HGV PRAXIS von einem Verpflegssatz von lächerlichen 3,80 Euro. Er kauft trotzdem – so gut es geht – alles bei heimischen Lieferanten ein. Aber es geht halt nicht alles. Auf die Frage, wer denn seinen Verpflegssatz verordnet, lautet die Antwort, der Sozialhilfeverband auf Bezirksebene. Dort laufen die Einkaufs- und Verbrauchsdaten von einem halben Dutzend Pflegeheimen zusammen. Der Durchschnittswert regelt den Verpflegssatz. Ganz egal, ob ein Küchenchef Convenience einsetzt oder der andere täglich frisch kocht. Der, der auf Qualität und heimische Produkte achtet, ist der Blöde, weil er mit seinem Budget nicht auskommt. Und als Antwort kriegt man dann von öffentlicher Seite: „Andere Heime kochen auch günstiger, warum funktioniert das bei dir nicht.“

Es fehlt ganz einfach das Bewusstsein für gutes Essen

HGV PRAXIS fragte den Küchenleiter, wie er es denn überhaupt schaffe, sein Einkaufsbudget zu halten? Die Antwort: Es funktioniert quasi nur über eine Form der „Quersubvention“. Für ein Essen auf Rädern bekommt er mehr als das doppelte der 3,80 Euro und die Mitarbeiter müssen auch geringfügig mehr bezahlen. So geht es sich dann halt irgendwie immer aus. Davon einmal abgesehen, dass diese Gebarung rechtlich gar nicht stimmig ist, zählt sie doch zum Alltag in den öffentlichen Küchen unseres Landes. Und da die BH-Beamten nur der verlängerte Arm der jeweiligen Länder sind, gehört genau hier angesetzt. Jeder einzelne Landeshauptmann müsste – sofern ihm seine Mitbürger, die in Sozialeinrichtungen, Spitälern usw. leben bzw. verharren müssen, am Herzen liegen – ein klares Bekenntnis dazu ablegen, dass diese Menschen anständig (menschenwürdig?) verpflegt werden. Doch davon ist weit und breit nichts zu hören. Der Impuls zu mehr Qualität und höheren Küchenbudgets in den öffentlichen Küchen Österreichs könnte durchaus auch von der Regierung aktiv ausgehen. Indem auch die Mittel der Mehrkosten dafür bereit gestellt werden. Fordern und nicht zahlen ist nichts anderes als Heuchelei.

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