15.05.2021

"Der Urlaub sollte etwas Besonderes sein"

Was macht die Pandemie mit der Psyche der Gesellschaft? Und welche Auswirkungen hat sie zukünftig auf den Tourismus? Der deutsche Philosoph Richard David Precht würde sich freuen, wenn es im Tourismus "nicht mehr so wird, wie es war." 

Sie haben in der Pandemie gleich zwei Bücher geschrieben – „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ und „Von der Pflicht.“ Sie haben in Ihrem Buch „Von der Pflicht“ gemeint, „wer Distanz hält, betrachtet eben auch vieles aus der Distanz.“ Wie schlimm sind denn diese Corona-Spätfolgen für die Gesellschaft? 
David Precht: Der Mangel an Körperlichkeit, an Nähe, lässt sich ja schnell wieder kompensieren. Vielleicht sind einige noch länger vorsichtig, vor allem wenn ihr Immunsystem nicht so stabil ist, aber die große Mehrheit wird zum Umarmen und Händeschütteln zurückkehren. Ich glaube nicht, dass es eine Kulturverschiebung geben wird und wir anfangen mit einander umzugehen, wie die Japaner. 

Die Frage ist, wann. Jetzt ist es noch nicht erlaubt?
Das Ende der Pandemie wird nicht mit einem großen Knall kommen. Das Ende von Corona kommt in kleinen Schritten. In diesen kleinen Schritten werden die Menschen, was den körperlichen Umgang anbelangt, wieder zu ihren alten Verhaltensweisen zurückkehren.

Sie haben indirekt der Wirtschaft vorgeworfen, aus den Menschen Schnäppchenjäger gemacht zu haben. Trägt jede -25-Prozent Aktion im Lebensmittelhandel dazu bei, dass wir nur noch an unseren eigenen Vorteil denken?
Nein, die -25-Prozent-Aktion macht nichts. Schnäppchen im Supermarkt hat es auch vor 20, 30 Jahren in der vordigitalisierten Welt gegeben. Und auch der Winterschlussverkauf beginnt jedes Jahr früher. Daran geht die Welt nicht zugrunde. Krass finde ich dass mit der Bahn heute jene auf Kosten der anderen fahren, die digital affin sind. Das sind zum großen Teil die Rentner, die gar nicht wissen, dass man online günstiger buchen kann. Das sind die, die am selben Tag zum Automaten gehen. Das finde ich unsolidarisch. 

In diese Kategorie gehören wohl auch die Lockvogel-Tickets der Billigairlines.
In diesem Fall sogar auf Kosten der Umwelt und auf Kosten anderer. Irgendjemand muss aber den realen Preis für den Flug bezahlen. 

Wie sehen Sie die Zukunft des Tourismus nach diesem monatelangen Shutdown? Muss es so werden, wie es war?
Ich würde mich sehr freuen, wenn es nicht mehr wird, wie es war. Davon ist nicht die Pension in Österreich betroffen. Ich meine Flugfernverkehr, Billig-Kreuzfahrten. Eigentlich reden wir über lauter Dinge, die es vor 20 Jahren noch gar nicht gab und wonach auch kein Hahn gekräht hat. Bevor das Angebot da war, hat keiner davon geträumt. Das ließe sich sehr gut rückgängig machen, in dem man das Flugbenzin ordentlich besteuert. Das ist hochgradig subventioniert. Wäre es richtig besteuert, wäre Fliegen um ein Vielfaches teurer. Destinationen wie Mallorca wollen seit Jahren weg vom billigen Massentourismus. Auch aus ökologischen Gründen: Mallorca fischt jedes Jahr 18 Tonnen Plastikmüll aus dem Meer. Denen wäre es lieber, wenn weniger Touristen kommen, die mehr Geld im Land lassen. Das passiert, wenn man weniger oft reist. Der Urlaub sollte etwas Besonderes sein, man reist nicht mehr so oft, bezahlt aber mehr dafür. 

Sie sind sicher kein Freund von Kreuzfahrten?
Wir können leider nicht warten, bis die Kreuzfahrt-Schiffe ökologisch sauber sind. Sie arbeiten zwar daran, aber zurzeit fließt zu viel Schweröl in die Meere und viel zu viel CO2 kommt in die Luft. Der Schaden, der an der Umwelt angerichtet wird, ist enorm.

Vor 30 Jahren hat es für Massentouristen keine Kreuzfahrt gegeben; das war sehr exklusiv und sehr teuer. 
Dann kommt immer als Gegeneinwand: Der Precht, der verdient ja genug, der kann leicht reden, der ist nicht davon betroffen. Aber ich sage dazu: Es gibt kein universales Menschenrecht auf billigen Fernurlaub. Es gibt auch kein universales Menschenrecht, einen SUV oder einen teuren Sportwagen zu fahren. Das sind keine Grundrechte, die man in der Gesellschaft hat. 

Wie sehen Sie die Zukunft der Geschäftsreisen? Die großen Konzerne, die Sie in Ihren Büchern kritisch sehen, haben gelernt, dass man vieles digital erledigen und damit viel Geld sparen kann. Wird da das Kostenbewusstsein bleiben oder finden die wieder zurück zu ihren atemlosen Kalendern?
Also ich möchte festhalten, dass ich nicht große Konzerne kritisiere, sondern nur große Konzerne mit fragwürdigen Geschäftsmodellen. Ich schaue, womit verdient jemand sein Geld, nicht wie groß ist seine Firma. Die Anzahl der Zoom-Konferenzen wird steigen, die der Geschäftsreisen wird sinken. Man darf aber nicht vergessen, dass der Statuscharakter der Flugreisen, der Hon-Cards, der Stolz darauf, jede Nacht woanders zu schlafen, der sitzt ziemlich tief in der DNA von Managern. Die ganz oben stehen, werden in Zukunft daher genauso viel fliegen. Doch das absolute Top-Management macht den Kohl nicht fett. 

Die wirtschaftlichen Folgen von Corona können wir nur erahnen ...
Corona hat die wirtschaftliche Ungleichheit verstärkt. Wir hatten schon darüber gesprochen, dass die großen Online-Konzerne die ganz großen Gewinner sind. Auch gewisse Sparten wie das Baugewerbe, manche Industriebetriebe boomen. Gelitten haben kleine Handelsunternehmer, kleine Hoteliers, freischaffende Künstler usw. Je kleiner sie waren, desto schlechter sind sie vom Staat unterstützt worden. Ich habe es nicht verstanden, warum der Staat so fokussiert war auf Arbeitsplätze bei großen Konzernen wie der TUI, wo unverhältnismäßig viel Geld in die Hand genommen wurde, während abertausende von Kleingewerbeunternehmern nicht ordentlich unterstützt wurden. 

Alle Experten meinen, gegen den Klimawandel war Corona eine Kinderkrankheit. Werden wir den Re-Start nutzen, um es klimaverträglicher anzugehen?
Ich bin vorsichtig optimistisch, das will schon was heißen. Denn alle haben jetzt den Ernst der Lage mit dem Klimawandel verstanden. Wir haben durch Corona erlebt, dass wir biologisch verletzliche Wesen sind. Allerdings müssen wir uns 5-Jahres-Ziele schaffen, alles andere geht zu langsam. Wir werden wegen des Klimawandels auf die eine oder andere Konsumgewohnheit verzichten müssen.

Zum Beispiel?
Massentourismus in ferne Länder. Ich kann auch nicht verstehen, warum man mit Autos, die man vielleicht in Kabul braucht, durch die Straßen in Wien fährt. Die Leute, die solche Autos fahren, haben doch auch Kinder! Ich kann doch nicht für eine vermeintlich höhere Verkehrssicherheit meiner Kinder, die Zukunft aller Kinder auf unserem Planeten ruinieren! Die gute Nachricht ist: Wir müssen zum Schutz des Klimas keine Grundrechte einschränken, wie bei Corona, sondern nur ein paar Konsumgewohnheiten ändern. So what?

Danke für das Gespräch.
 

Veranstaltungstipp!
Richard David Precht steht beim 36. CASH Handelsforum des Manstein Zeitschriftenverlags (28. – 30. Juni 2021) im scalaria event-resort in St. Wolfgang im Salzkammergut auf der Bühne.
 

(Autorin: Dagmar Lang)

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