16.09.2021

Der Welt das Bier geschenkt!

Geht‘s ums Bier, lässt sich der Tscheche kein X für ein U vormachen. Denn Bier ist in Tschechien nicht bloß ein Getränk und wird auch nicht von ungefähr als „flüssiges Brot“ bezeichnet. Warum das so ist, weiß Ivan Chramosil, ein Kenner seines Fachs, der als einziger Tscheche an allen Jahrgängen der Europe Beer Star (EM) im deutschen Gräfelfing teilnahm.

Bier ist Tschechien und Tschechien ist Bier, aber was genau macht das tschechische Bier so besonders? Liegt’s nur am guten Hopfen?
Ivan Chramosil: Es ist nicht nur der Hopfen, es sind alle Rohstoffe zusammen, eine ausgezeichnete Braugerste und Malz. Dann auch die Tatsache, dass im früheren Regime nicht viel in Brauereien investiert wurde. Brauereien brauten klassisch und verwendeten alte Technologien. Deshalb ist die Globalisierung an uns vorbeigegangen und die tschechischen Biere blieben von der „Gleichschaltung“ zum Eurobier-Stil verschont. Heute ist das anders, vor allem dank kleinerer Brauereien brechen hier ähnliche Biere durch.

Wie groß ist die Sortenvielfalt reiner, handwerklich erzeugter Biere in Ihrer Brauerei?
Die Brauerei Bránek (Anm.: eine neue Brauerei in Stěžery bei Hradec Králové/Königgrätz) braut standardmäßig Biere mit 10°, 11° und 12° Gewürzgraden sowie dunkles Bier und das Original Special, das aufgrund des großen Interesses zu einem ständigen Sortimentsartikel geworden ist. Zu verschiedenen Anlässen werden Spezialbiere gebraut, wie zu Weihnachten und anderen Anlässen.

Was sagt ein tschechischer Bierbrauer zu Craft Beer, IPA oder zu aromatisierten Bieren? Ein Frevel für einen Bierbrauer? 
Nein, das ist kein Frevel, widerspricht aber natürlich den traditionellen tschechischen Trends. Es geht um das Interesse des Kontinents. Natürlich ist spannend, was in der Welt gebraut wird und wie solche Biere schmecken. Es ist aber erfreulich und ein Kompliment, dass der konservative tschechische Konsument in der Regel zu unseren Klassikern zurückkehrt. Unsere Biere sind trinkbarer und während des „langen" Konsums, während eines langen gemütlichen Abend in der Kneipe, weniger „gefährlich“.

Trinkt der Tscheche derartiges überhaupt und sind Radler oder alkoholfreies Bier in Tschechien ein Stilbruch?
Es ist zumindest ein europäischer Trend und auch eine generationenübergreifende, modische Angelegenheit. Ehrlich gesagt, ist es gerade im heißen Sommer eine erfrischende, süffige Variant, Bier zu trinken – vor allem in Ländern mit starker Tendenz zum Bierkonsum. Allerdings schießen aus meiner Sicht manche aromatisierten Biervarianten übers Ziel hinaus.

Auch die tschechische Küche kommt ohne Bier nicht aus?
Die Küche in den tschechischen Ländern entwickelte sich parallel zum Bierbrauen. Die gegenseitige Beeinflussung war und ist offensichtlich, es gibt viele tschechische Gerichte, die ohne Bier nicht vorstellbar sind. Zum Beispiel Kartoffelpuffer. Was den Sommer anbelangt – im Laufe der Jahre führte die starke Ausbreitung des Radsports zur Entstehung schwächerer Biere, der sogenannten „Radachter“. Aufgrund des geringen Alkoholgehalts eignet er sich damit besonders zu und für leichte Sommergerichte.

Trinkt ein tschechischer Bierbrauer eigentlich auch „fremdes“ Bier?
Natürlich! Die rasante Entwicklung verschiedener Getränkegruppen zwingt ihn direkt dazu. Und zwar alle und nicht nur Tschechen. Der Brauer muss auf Trends reagieren und ihnen entsprechend sein Bier „aufschlagen“.

Was würde es bedeuten, wenn man den Tschechen das Bier nimmt?
In der Vergangenheit hieß es, dass eine Regierung, die das Bier verteuert, gestürzt wird. Wahrscheinlich ist dem nicht so, ich glaube nicht, dass es passieren kann. Das Bierbrauen ist in unserem Land stark mit der Küche verbunden und lebt mit ihr. Und Gastronomie, ja sogar Getränke, gehören zum kulturellen Überbau eines Landes. Jede Nation hat ihr „Nationalgetränk". Wir haben der Welt eine Biersorte geschenkt, die heute zu über neunzig Prozent der Produktion gebraut wird. 

Bier aus dem Glas, Krug oder der Flasche?
Nur aus einem Glas, gekühlt und mit kaltem Wasser gespült. Auch wenn heute – insbesondere in Diskotheken – der Trend vorherrscht, Bier direkt aus kleinen 0,33-Liter-Flaschen zu trinken.

Wie kalt muss ein Bier sein?
Im Allgemeinen beträgt die Temperatur je nach Typ 5 bis 7 Grad. Allerdings kühlen einige Kneipen das Bier ab, beseitigen damit eventuelle Mängel und überlassen nicht immer die Qualitätsarbeit dem Zapfhahn.

Zum Abschluss: „Prost oder zum Wohl“?
Der Tscheche sagt „Prost“, wiewohl Tisch- oder Fachgesellschaften ihre eigenen Trinkrituale haben.

Danke für das Gespräch.


Zur Person
Ivan Chramosil (Jahrgang 1946) ist seit dem Abschluss der Pflichtschule in der Brauindustrie tätig. Er lernte bei Staropramen, wo er anfangs auch arbeitete. Innerhalb des Unternehmens wurde er in die Brauerei U Fleků versetzt, wo er 45 Jahre lang tätig war. Heute arbeitet er bei der Brauerei Beránek in Stěžery und betreut gleichzeitig mehrere andere Kleinbrauereien. Seit 18 Jahren nimmt er als Gutachter an den größten Biermessen der Welt teil: Als einziger Tscheche nahm er an allen Jahrgängen der EM Europe Beer Star teil, die in der Akademie Doemens in deutschen Gräfelfing der Verband Deutscher Brauereien veranstaltet. Außerdem ist er regelmäßiger Teilnehmer am Great American Beer Festival und der World Beer Cup Competition Biennial.

www.pivovarberanek.cz

(Von Brigitte Charwat)

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