08.02.2021

Die digitale Destination ist bald Standard 

Wie Tourismusregionen Contact Tracing als Marketing-Instrument nützen. Warteschlangen an Skiliften könnten Geschichte sein. Auch nach Corona birgt die Technologie enormes Potential. Im Interview spricht Sven Maurmann, Geschäftsführer von Placeit, über Gästekarten als Türöffner und den gläsernen Gast. 

Der Digitalisierungsschub durch Corona ist deutlich gestiegen. Wie wirkt sich das auf den Tourismus aus? 
Maurmann: Die Bereitschaft über Besucherlenkung und das Sammeln von anonymisierten Daten nachzudenken, ist stark gestiegen. Vor zwei Jahren waren noch bezahlte Anzeigen in Print-Medien das Thema, heute sind Destinationen ein riesiges Stück weiter. Contact Tracing und Live-Monitoring, also die Verfahren der Besucherlenkung, sind keine Fremdworte mehr. In den Gremien passiert ein Generationenwechsel – das hilft auch. 

Sind Destinationen aus Ihrer Sicht im „neuen Normal“ schon angekommen?
Angekommen ist zu weit gefasst. Aber es gibt wie immer bei diesen Technologieschüben Vorreiter, die das Terrain bereiten. Dazu zählt Arosa Tourismus, mit denen wir ein flächendeckendes Verfahren der Datenerhebung planen umzusetzen.
  
Welchen Vorteil hat dieses flächendeckende Verfahren in der Datenerhebung? 
Kurz gesagt fällt ein „ich glaube, das kommt bei unseren Gästen gut an“, komplett weg. Durch die Technologie von Placeit erhält das Marketing neue Ansätze, um die Destination weiterzuentwickeln. Man weiß dann, was beim Gast gut ankommt.

Wie funktioniert das? 
Ich nehme das Beispiel Arosa Tourismus, um das zu veranschaulichen. Arosa hat, wie viele andere Destinationen, eine Gästekarte. Damit haben wir ein Trägermedium, das jeder Gast automatisch erhält und mit sich führt. Durch kontaktlose Scanner an neuralgischen Punkten, wie etwa der Seilbahn, Gaststätten, Golfplatz und Co werden Besucherströme automatisch erfasst. Wir wissen dann nichts über die konkrete Person. Placeit erfasst anonymisierte Daten, das ist wichtig. Im weiteren Schritt werden diese Daten dann angereichert und Personengruppen für Marketing-Maßnahmen gebildet. 
 
Und was passiert dann? 
Aufgrund der erfassten Datenbasis – wie vorhin erklärt – folgt nun der zweite Schritt. Die Destination macht dem Gast ein Angebot via Web-App. Personalisierte und individuelle Angebote werden ihm ausgespielt, direkt aufs Handy. Überfüllte oder ausgebuchte Angebote können so umgangen werden. Die Besucherlenkung erhöht das Gästeerlebnis. Ein Beispiel dazu aus dem Arosa Bärenland: Der Gast weiß dadurch, wann eine gute Zeit ist, um die Bären zu sehen und was er bis dahin unternehmen kann. Gäste erhalten individuelle Vorschläge und müssen sich nicht mehr in eine Warteschlange einreihen.

Keine Warteschlangen mehr. Das wäre eine wunderbare Technologie für Skilifte?
Ja, Skigebiete wären prädestiniert dafür. Man weiß ohnehin schon alles. Jeder Gast hat ein Skiticket, das ausgelesen wird. Im Nachhinein wissen Bergbahnen, wie viele Gäste sie transportiert haben. Mit der Technologie von Placeit wird der Engpass in „real time“ an Skigäste geschickt. Per Push-Nachricht werden Alternativen, Tipps und Co angeboten. Der Gast kann seine nächste Abfahrt anders planen oder kehrt in eine Alm ein, bei der es jetzt – weil Echtzeitmessung – ein Special angeboten wird. 

Geben die Daten nur vor Ort Auskunft oder sind sie auch in der Vor- und Nachbereitung relevant?
Die Destination, Hotels oder Leistungsträger können durch die Daten von Placeit bereits im Vorfeld präzise Angebote machen. Wir sehen nicht am Ende der Saison, welche Kapazitäten es gegeben hätte, sondern tagesaktuell. Denken wir an das Januar-Loch. Stichwort „dynamic Pricing“.

Wird es bald den „gläsernen“ Gast geben?  
Dazu fällt mir ein Satz aus Dürrenmatt ein: „Was einmal gedacht, kann nicht mehr zurückgenommen werden“. Ich persönlich stehe zur informationellen Selbstbestimmung der Menschen. Daher kann das Ziel aus meiner Sicht niemals der gläserne Gast sein. Dem gilt es vorzubeugen. Deshalb legen wir bei Placeit großen Wert auf anonymisierte Daten. Für die Entwicklung einer Destination ist nicht die einzelne Person von Interesse, sondern die Personengruppen. Das ist für die Angebotsentwicklung viel sinnvoller. Technisch ist aber alles möglich.  

Wie sieht die konkrete Umsetzung einer flächendeckenden Datenerhebung in einer Destination aus?
Wenn wir die Besucherlenkung bei Events machen, das können wir Pauschal anbieten und starten bei 2.000 Euro aufwärts, nach Größe des Events. Für die Destinations-Planung rechnen wir zwischen vier- bis sechs Wochen, bis erste Daten erhoben werden können und die Region Return on Investment lukriert. 

Danke für das Gespräch.


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