02.05.2021

"Die Gastronomie wird einen Schwung erleben"

Marcus Wild, seit Jahresbeginn im Vorstand der Spar für die SES-Einkaufszentren, über die problematische 20-Quadratmeter-Regelung, die Befreiung oder Reduzierung von Miet- und Pachtzahlungen sowie die wichtige Rolle der Gastronomie für das Shopping-Erlebnis.

Wild ist im Konzernvorstand der Spar zuständig für die Bereiche SES, Hervis, Immobilien, Prozessmanagement, Innovationen und die Beteiligung an dm. Die Spar European Shopping Centers (SES) ist ein Entwickler, Errichter und Betreiber von Einkaufszentren in Österreich und Slowenien, darunter etwa Europapark Salzburg, Gerngross in Wien oder Citypark Graz.

In Wien und Niederösterreich muss der Nonfood-Handel noch geschlossen halten. Wie laufen die Geschäfte derzeit in Ihren Einkaufszentren in den anderen Bundesländern?
Marcus Wild: Das Einkaufserlebnis mit Maske und ohne Gastronomie ist immer noch eingeschränkt. Die Kunden kommen immer noch sehr stark für den Zieleinkauf und nicht um zu bummeln oder um sich inspirieren zu lassen. Das bedeutet weniger Frequenz und dafür höhere Bonsummen. Die durchschnittlichen Tagesumsätze entsprechen aber der Vor-Covid-Zeit, wenn man die Gastronomie ausklammert. Wir sind deshalb nicht unzufrieden, und es wird auch sukzessive besser. Man merkt, dass das Vertrauen wieder wächst. Und auch wir schauen nach vorne und freuen uns auf die nächsten Öffnungsschritte und die Entwicklung nach der Impfung. 

Geht Ihnen die Öffnung schnell genug? 
Was wir als schwer beeinträchtigend erleben, ist die Zwanzig-Quadratmeter-Regelung. Die widerspricht alleine schon mathematisch der Zwei-Meter-Abstandsregel und führt immer wieder zu Schlangen vor den Geschäften. Wichtiger wäre, dass in den Geschäften der Zwei-Meter-Abstand eingehalten wird. Der zweite Kritikpunkt sind die Öffnungszeiten. Dass die noch immer nicht auf das normale Niveau zurückgeführt wurden, ist auch aus epidemiologischer Sicht völlig unverständlich. Drittens wäre es höchst an der Zeit, in der Gastronomie zumindest die Gastgärten aufmachen zu dürfen. Jetzt müssen wir uns immer noch bis 19. Mai gedulden. 

Der Lebensmittelhandel ist die ganze Pandemie über gut gelaufen. Wird auch den anderen Branchen ein Comeback gelingen? 
Prognosen sind immer noch mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Aber aufgrund der Beobachtungen, die es mit Ländern wie Israel gibt, wo schon große Teile der Bevölkerung durchgeimpft sind, nehme ich fix an, dass wir zu so etwas wie einem Normalzustand zurückkehren. Doch gewisse Änderungen werden uns erhalten bleiben. Wir haben in allen unseren Centern ein TÜV-zertifiziertes Hygienemanagement eingeführt. Das werden wir fortführen, auch wenn das etwas kostet. Die Kunden haben ein höheres Bewusstsein für Hygiene entwickelt. 

Auch das Konsumverhalten hat sich verändert. Der Lebensmittelhandel hat Rekorde aufgestellt, doch in Summe haben ihre Shoppartner im Vorjahr 13 % des Umsatzes verloren. Am stärksten traf die Krise die Gastronomie und den Modehandel. Was bleibt davon?
Es gab tatsächlich einen enormen Umschwung: Baumärkte, Möbelmärkte, alles rund ums Heim hat enorm profitiert, weil die Menschen viel mehr Zeit zuhause verbracht haben. Für Mode fehlten die Anlässe. Aber ich glaube nicht, dass wir verlernt haben, dass wir soziale Wesen sind. Menschen sind gerne zusammen. Besonders die Gastronomie wird einen richtigen Schwung erleben, sobald es wieder möglich ist. Und dann werden auch die Textilkonzepte wieder sehr gut funktionieren. Wenn die Menschen wieder hinausgehen, in die Gastronomie, auf Veranstaltungen, werden auch die Händler wieder eine gute Zeit haben. 

Welchen Beitrag können Sie als Centerbetreiber leisten, damit dem Handel das Comeback gelingt? 
Wir müssen die Stärken des stationären Einzelhandels ausspielen. Wir bereiten unsere Standorte so vor, dass das Angebot passt, die Gastronomie top ist, das Ambiente inspirierend wirkt. Ein Beispiel sind unsere Frühlingswiesen. Anfang März haben wir richtige Blumenwiesen in unseren Centern angepflanzt. Obwohl die Gastro noch zu war, waren die Kunden happy, weil bei uns Blumen wachsen, obwohl draußen noch Schnee gelegen ist. Nach so etwas lechzt der Kunde. Und gerade in dieser Zeit ist die Kommunikation mit den Kunden besonders wichtig, vor allem über Social Media. Wir müssen jederzeit gut vorbereitet sein, um unsere Kunden schnell mit den oft erst sehr kurzfristig verfügbaren Informationen zu versorgen. Da ist die SES bestens aufgestellt. Und schließlich ist es immer noch ein großes Thema, unsere Shoppartner bei der Förderungsthematik zu unterstützen. 

Auch nahversorgungsorientierte Standorte wie Fachmarktzentren haben in der Corona-Pandemie besonders profitiert, während sich überregionale Einkaufszentren schwergetan haben. Das betrifft bei Ihnen vermutlich den Gerngross und den Europark? 
Im Stadtteilcenter Q19 in Wien-Döbling haben unsere Shoppartner ein Plus von fast 2 % hingelegt. Unser FMZ Nußdorf-Debant bei Lienz lag auf und zum Teil sogar über den Vorjahresumsätzen. Und auch das Huma Eleven in Wien hat den Vorjahresumsatz nur ganz knapp verpasst, das ist wirklich außergewöhnlich. Entgegen dem langjährigen Trend haben besonders Standorte profitiert, die gut mit dem Individualverkehr erreichbar sind, weil der öffentliche Verkehr gemieden wurde. Beim Gerngross haben Sie recht, und auch das Forum1 am Salzburger Hauptbahnhof hat gelitten.

Der Europark liegt im Durchschnitt, weil auch er sehr gut an den Individualverkehr angebunden ist. Weh getan hat uns beim Europark vor allem der Wegfall der Kunden aus Bayern, die ja für rund 20 % der Umsätze verantwortlich sind. Dafür haben die Österreicher weniger in Deutschland eingekauft. Als Plus für den Europark wirkte auch der sehr starke Interspar. In der Krise hat uns die organisch gewachsene Struktur unserer Shopping Center sehr geholfen, die alle aus einem großen, erfolgreichen Hypermarkt hervorgegangen sind. 

Einer der wichtigsten Trends am Shopping-Center-Markt war in den letzten Jahren der Ausbau von Gastronomie- und Entertainment-Angeboten. Gerade diese Bereiche sind jetzt völlig zum Erliegen gekommen.
Wir haben in keinem unserer Center ein Kino, darum haben wir unter dieser Thematik nicht so gelitten. Wir haben eher Wert gelegt auf innovative Gastronomie – und daran glauben wir nach wie vor. Was sehr wohl eine Rolle spielen wird: Außenterrassen werden wichtiger. 

Da waren Sie mit der Gastronomie in der Weberzeile in Ried ein Vorreiter. Die ist auch von außen zugänglich und ist so von den Center-Öffnungszeiten unabhängig. 
Ich muss Sie korrigieren, eine große Außenterrasse haben wir im Europark schon seit 1996. Aber ja, der Italiener in Ried ist unglaublich erfolgreich, ähnlich das Steakhaus Ox im Fischapark. Im Atrio in Villach haben wir soeben mit dem Bierhaus „Zum Augustin“ einen neuen Partner mit Außensitzbereichen. Im Sillpark in Innsbruck planen wir Ähnliches. Im Murpark sitzen Dean & David im Übergangsbereich zwischen Innen und Außen. Das schafft ein tolles Ambiente und ist Teil der Urbanität, die wir schon so lange verfolgen. Aber wir haben auch einzelne Häuser, wo das nicht möglich ist. 

Eines der heißesten Eisen im Handel ist aktuell die Diskussion um die Befreiung oder Reduzierung von Miet- und Pachtzahlungen für vom Lockdown betroffene Händler. Wie geht die SES vor?
Am Ende des Tages geht es um ein gutes Verhältnis zwischen Pächter und Centerbetreiber. Ein Handelsstandort funktioniert nur mit Kooperation. Manche Shopkonzepte haben enorm gelitten, da gab es Bestandszinsnachlässe bis zu 25 %. Bei anderen haben die Umsatzzahlen ein ganz anderes Bild gezeigt, da waren keine Nachlässe erforderlich. Jetzt müssen wir als starke Betriebe gemeinsam daran arbeiten, dass es wieder besser wird. Aber natürlich haben wir noch nie zuvor eine Zeit erlebt, wo wir mit unseren Shoppartnern so viel über das Thema Bestandszinsen geredet haben. Nicht zu vergessen: Wir haben in der Covid-Zeit rund 300 Verträge entweder verlängert oder neu abgeschlossen. Und jetzt spürt man immer stärker, wie der Verpachtungsmotor wieder anspringt. Ich kann schon einige sehr interessante Neuigkeiten in Aussicht stellen – einiges davon im Near-Food-Bereich. 

Dass jede Krise auch Chancen bietet, ist eine Binsenweisheit. Wie sieht es in der aktuellen Situation aus? Welche Chancen bieten sich dem Handel? Sehen Sie neue Trends im Mieter- und Branchenmix?
Auch hier sehen wir vor allem eine Beschleunigung von Trends, die schon länger zu beobachten sind. Markenstores sind weiter auf dem Vormarsch, während die klassischen Multibrand-Händler noch stärker unter Druck gekommen sind. Das ist auch der Realität geschuldet, dass der Onlinehandel stark gewonnen hat. Andererseits erkennen wir, dass manche Marken overstored sind, also ein zu dichtes Ladennetz haben. Chancen für expansionswillige Unternehmen sehe ich durchaus. In der jungen Mode ist eine Nische entstanden durch das Ausscheiden von Pimkie und die Schwäche von Konzepten wie Tally Weijl. Wenn man da rasch ist, bietet sich eine enorme Chance. Da wurde mehr reduziert, als es der Markt rechtfertigt. 

Kommen auch aus dem Thema Nachhaltigkeit neue Impulse? Wird es bald Second-Hand-Anbieter in SES-Centers geben? 
Wir sehen in der gesamten Spar-Gruppe, wie stark sich das Thema Nachhaltigkeit entwickelt. Marken die sich stark mit Nachhaltigkeit beschäftigen, sind deutlich erfolgreicher als andere. Nachhaltigkeit hat viele Facetten. Im Europark haben wir mit The Naked Indigo erstmals ein rein veganes Gastronomie-Konzept und mit Erdbär ein nachhaltiges Label aus dem textilen Bereich als Partner. Ob auch einmal ein Second Hand-Anbieter dabei sein wird, kann ich noch nicht sagen. Aber wir beschäftigen uns mit dem Thema.

Kommen wir zum Abschluss zu Ihren aktuellen Entwicklungsprojekten: Die Spar-Gruppe bemüht sich schon seit vielen Jahren um eine Erweiterung der Verkaufsfläche des Europarks um 14.000 m². Vor wenigen Wochen ist in der Salzburger Landesregierung der politische Beschluss gefallen, dass man nur eine Erweiterung um maximal 8.400 m² möchte. Sie haben sich in einer ersten Reaktion entsetzt gezeigt. 
Diese kommunizierte Flächenreduktion ist kein Beschluss, sondern ein Kompromiss im Rahmen einer informellen politischen Besprechung innerhalb der Landesregierung, den die Grünen mittlerweile sogar wieder bekämpfen. Allerdings haben wir mit der Landesregierung ein mehrjähriges Verfahren durchgeführt, das eindeutig die Verträglichkeit von 14.000 m² zum Ergebnis hat. Da kann man aus politischen Gründen nicht einfach so weg davon, bevor nicht die Landesregierung auf Basis des Raumordnungsgesetzes transparent die Öffentlichkeit angehört hat. Auch das jüngste Gutachten im Zusammenhang mit den Corona-Auswirkungen hat vor wenigen Wochen dieses Erweiterungsausmaß erneut bestätigt.

Aber dennoch gibt es nach wie vor Gegenwind gegen die Erweiterung?
Die Grünen gehen mittlerweile mit Kampagnen und falschen Zahlen gegen die Erweiterung vor. Aber man muss festhalten, dass der Europark seit rund 25 Jahren jeden Tag am Prüfstand von Nachhaltigkeit, Arbeitnehmer- und Konsumentenfreundlichkeit steht und Verantwortung gegenüber seinen klein- und mittelständischen Shoppartnern wahrnimmt. Mit einer Flächenproduktivität von knapp unter 10.000 Euro pro Quadratmeter Verkaufsfläche ist er das führende Haus in Österreich und liegt auch im gesamten deutschsprachigen Raum sehr weit vorne. Manche erinnern sich noch, wie viele Salzburger vorher über die Grenze nach Bayern zum Einkaufen gefahren sind. 

Ganz wichtig ist dabei auch, dass sich trotz des Erfolgs des Europarks auch der übrige Handel in Salzburg nachweislich sehr gut entwickelt hat. Unser Erweiterungs-Projekt erfüllt auch alle grünen Kriterien: Wir sind mit acht Buslinien und der S-Bahn perfekt öffentlich erreichbar. Es wird keine Fläche neu versiegelt, weil es bei der Erweiterung um die geringfügige Überbauung eines Parkplatzes geht, dessen Stellplätze wegfallen. Die Parkplätze befinden sich am Dach und unter der Erde. Die architektonische Qualität ist unbestritten. Wir bieten kleinen Betrieben Raum, es gibt einen großen Betriebskindergarten, wir sind sehr gut ins nachbarschaftliche Umfeld integriert. Es gibt keinen einzigen Punkt, der dem von der Politik verfolgten Weg widerspricht. Und doch reiben sich die Grünen, die Teil der Landesregierung sind, am Europark und wollen lieber stationär abgabenwirksame Umsatz-Millionen in den größtenteils amerikanischen Onlinehandel umleiten. 

Der Baubeginn für das Shopping Quartier Lienz wurde bereits mehrmals verschoben, zuletzt auf 2021. Wird das Center nun tatsächlich realisiert?
Dieses multifunktionale Projekt ist in zwei Teile gegliedert. Der Baustart für das Hotel ist für 2022 geplant, am Shopping-Center wird weiter gearbeitet. 

Eine Neueröffnung gab es zuletzt im März mit dem Fachmarktzentrum S-Park im ungarischen Kaposvár. 
Wir hatten das Pech, dass wir im Teillockdown eröffnen mussten. Aber man sieht schon jetzt, dass das Konzept sehr gut funktioniert. Mit S-Park haben wir nun ein eigenes Fachmarkt-Konzept, mit dem wir auch weiter expandieren können. Wir sind schon an einigen Projekten dran. 

In Österreich ist das vermutlich kein Thema?
Nein. Aber auch hier haben wir noch einiges zu tun. In der Seestadt Aspern werden wir heuer auf 28 Shops anwachsen. Auch in Aspern gibt es mit Habibi & Hawara ein sehr spannendes neues Gastronomie-Konzept. Eine Nord-Erweiterung der Seestadt ist bereits fixiert. 

Danke für das Gespräch.

(Autor: Manuel Friedl)

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