13.08.2021

Die Krise mit dem Krisenstab

Was davon zu halten ist, wenn man nach einer Ansteckung auf einem Zeltfest zehn Tage später darüber informiert wird, dass man positiv ist. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Die Zahlen steigen und die Regierung reagiert. In typischer Weise muss man sagen. Ende Juli wurden Zutrittsregeln für die Nachtgastronomie empfindlich verschärft. Die Hofburg-Truppe schickte den ressortzuständigen Minister Wolfgang Mückstein vor die Mikrofone, der mit sonorer Stimme verkündete: „Der Zugang zur Nachtgastronomie ist nur noch für Geimpfte sowie Personen mit aktuellem negativem PCR-Testergebnis möglich. Dafür entfallen die Kapazitätsbeschränkungen. Eine mögliche Ausnahme von dieser ,2-G-Regel‘ sieht die neue CoV-Maßnahmenverordnung für ,Zusammenkünfte‘ wie Zeltfeste vor.“ Die Vereinsmeier, allen voran Feuerwehren und Trachtenmusikkapellen, haben sich wieder einmal gegen die professionelle Gastronomie durchgesetzt. Stünden doch sonst ihre ohnedies fragwürdigen Zeltfeste auf dem Spiel.

Die werweißwievielte „Hatschnbrunner Wiesngaudi“

Wenn nun die werweißwievielte „Hatschnbrunner Wiesngaudi“ ausgerufen und in den Dörfern plakatiert wird, dann ist das meistens die wichtigste Einnahmequelle für den veranstaltenden Verein. Eingekauft wird im Supermarkt und der ansässige Wirt gnadenhalber um die Konzession gebeten. Die Finanz drückt ein Auge zu und andere involvierte Behörden schauen erst gar nicht hin, denn sonst dürfte es solche Feste alleine der Auflagen wegen gar nicht geben. Über Jahrzehnte hat sich diese Vorgangsweise einzementiert. Nicht selten sitzen die Stakeholder in diesen Vereinen und sorgen dafür, dass die gewerbliche Gastronomie kontinuierlich ausgehungert wird, indem sie mit Lobbying Entscheidungen wie die oben genannte in ihrem Sinne beeinflussen. Der Gesundheitsminister droht strengere Maßnahmen an, in den Verhandlungen mit dem Koalitionspartner kommen dann solche Vehikel heraus: 2-G-Regel für Discos, für Zeltfeste nicht. Während also schon in Dörfern mit mehr Misthaufen als Höfen nagelneue Löschfahrzeuge vor sich hinrosten, wundern sich verdutzte Politiker, warum es den Wirten so schlecht geht – wenn es sie denn überhaupt noch gibt.

Ein Paradies der halbillegalen Zeltfestkultur

Fast schon lachhaft klingt die Argumentation von der offiziellen Ministerseite, weshalb es Ausnahmen für Zeltfeste gibt: „Angesichts der hier notwendigen behördlichen Bewilligungspflicht können die zuständigen Bezirksverwaltungsbehörden auf die jeweils aktuelle regionale epidemiologische Lage Rücksicht nehmen.“ Nun ist es just in Oberösterreich, dem ungekrönten Paradies der halbillegalen Zeltfestkultur, Ende Juli bei genau so einem Zeltfest zu einem veritablen Cluster mit über einem Dutzend Ansteckungen gekommen. Spannendes Detail dieser Landpartie: sie fand am 24. Juli statt und am 3. August erfuhren die Angesteckten vom Krisenstab, dass sie positiv getestet wurden. Nach schlanken zehn Tagen lieferten die Beamten somit ihre Arbeit ab, für die sie unkündbar beschäftigt sind.

Dazu kann man nur machtlos den Kopf schütteln

Nun ja, was soll man dazu sagen? Man müsste schallend darüber in Schadenfreude ausbrechen, dass ausgerechnet eine Veranstaltung, deren Genehmigung auf einer äußerst fragwürdigen Legitimierung beruht, zum Ausgangspunkt von Superspreadern wurde, wäre es nicht so ein Armutszeugnis. Das Schlimmste daran ist aber die Reaktion aller Verantwortlichen: Niemand hätte Regeln missachtet, nicht der Veranstalter des Zeltfestes, beamtenseitig gab es ebenso keine Versäumnisse. Mit keiner einzigen Silbe ist von einem Verantwortungsbewusstsein bzw. Schuldeingeständnis oder gar Konsequenzen die Rede. Wenn man als Profi-Gastronom so etwas liest und dabei nicht narrisch wird, bleibt einem nur noch machtlos den Kopf zu schütteln. Bevor die Verantwortlichen in den Klagechor, Corona würde das Volk entzweien, einstimmen, sollten sie die Spaltpilze in den eigenen Reihen erst mal kaltstellen.

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