23.06.2021

Die neue Langsamkeit des Reisens

Dass just in Bella Italia bereits vor 40 Jahren eine, bis vor kurzem noch weniger beachtete Reiseart ihren Ausgang nahm, überrascht aus heutiger Sicht nicht wirklich. Ein Kommentar von Brigitte Charwat.

Pizza & Pasta von der Nonna, modischer Chic von Versace, Gucci, Prada oder Moschino für die Bella Figura und Montepulciano, Merlot, Chianti, Campari oder Espresso fürs dolce vita – das und noch viel mehr ist, wofür Italien steht und warum Millionen Menschen und die Österreicher ganz besonders, Jahr für Jahr an den beliebten Adria-Stränden von Chioggia, Jesolo, Caorle, Lignano oder Bibione ihren Urlaub verbringen.

Geht’s ums Essen, macht der Italiener keine Kompromisse. So kommt auch nicht von ungefähr, dass die aus unzähligen regionalen Küchen bestehende jahrhundertealte italienische Kochtradition – man unterscheidet grundsätzlich zwischen Cucina alto-borghese (exklusive Kochtradition) und Cucina povera (regionale bäuerliche und städtische Küche) – längst auf der Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO geführt wird. Also verwundert auch nicht, dass es den traditionsbewussten und genussverliebten Italienern in den 1980ern gar nicht gefiel, dass McDonalds eine Filiale in Rom eröffnete und man, der sich damals gerade entwickelnden Slow-Movement-Bewegung folgend, dagegen heftigst protestierte.

Und damit war, als Gegenstück zu Fast Food, das geboren, was heute als Slow-Food-Bewegung längst etabliert ist und deren rechter und linker Arm bald Slow Travel wurde. Weil dort wie da das Bewusstsein für Genuss und Entschleunigung – beim Essen gleichermaßen wie auf Reisen – im Vordergrund stehen und bei Slow Travel die Nähe zur lokalen Bevölkerung und deren Kultur und Traditionen wesentliche Zutaten eines ganzheitlichen Reiseprodukts sind. 

In Zeiten des erst so richtig Fahrt aufnehmenden Pauschalreisetourismus war jedoch für derart viel Individualismus am Teller und auf Reisen noch wenig Platz. Wiewohl die Massen durchaus bewusst aber eben vorrangig im Rudel und zu genormten Zeiten für zwei Wochen und gerne immer an die gleichen Orte reisten. Die sich wiederum mit ihren Angeboten rasch dieser jährlichen Sommer-Völkerwandung anpassten, bis sie förmlich aus allen Nähten platzten. Beispiele dafür gibt es reichlich und spätestens mit dem Markteintritt der Low-Cost-Carrier und Fliegen fast zum Nulltarif begann das Tourismusfass dann endgültig überzulaufen und die unter den Massen laut aufstöhnenden Regionen begannen zu erkennen, dass weniger nicht nur mehr, sondern für Mensch, Tier und Natur auch nachhaltig gesünder ist. 

Doch wie zurückrudern, so ein Weg zurück zu einem homogenen touristischen Gleichgewicht überhaupt noch möglich ist? Hängen doch viel zu viele Menschen und Existenzen – gerade in sozial schwachen und ärmeren Ländern – an der Lebensader Massentourismus: Man kann dieses Hemd nicht einfach ausziehen und ein neues anziehen, ohne dabei keine Knöpfe zu verlieren. Möglicherweise spielt aber gerade die aktuelle Krise, die dem globalen Tourismus eine ordentliche Breitseite verpasste, in die Karten und bietet eine dieser vielzitierten Chancen und der Trend zu mehr Langsamkeit, Genuss und bewussteres Reisens somit die Möglichkeit zur touristischen Neuorientierung. Weil die auf Schnelligkeit und Masse ausgerichtete Struktur längst an ihre Grenzen stößt und spätestens durch die Corona Krise in ihre Gesamtheit hinterfragt werden muss. 

Weil der Kunde, der Gast, der Reisende seine Ansprüche und Bedürfnissen an Urlaub und Reise verändert hat. Weil nämlich Nachhaltigkeit in alle seinen Kauf- und auch Reise- und Buchungsentscheidung eine immer größere Rolle spielt. Womit jetzt ganz viel für Slow Travel als neue Reiseform spricht, die auch von der großen Nachfrage nach immersiven Reiseerlebnissen ohne Zeitlimit unterstützt wird. Weil man in den Lockdowns ein anderes Leben und Arbeiten kennen und schätzen gelernt hat. Man will länger an fremden Orten bleiben, weil man auch aus der Ferne gut arbeiten kann. Man will gemächlicher reisen, worauf bereits viele Bahnbetriebe mit entsprechenden Verbindungen reagierten. Und man möchte vor allem zu den Menschen vor Ort eine lebendigere Verbindung herstellen, was kulinarisch, also beim gemütlichen wie genussvollen Essen, am besten funktioniert.

„Verschiedene Verbrauchertrends deuten bereits darauf hin, dass Slow Travel nach der Pandemie abheben könnte. Laut einer Live-Umfrage von GlobalData ist eine Reise, die länger als zehn Nächte dauert, stärker erwünscht (22 %) als ein Tagesbesuch (10 %) oder ein Kurzurlaub von einer bis drei Nächten (14 %). Der zusätzliche Aufwand und die Kosten für zusätzliche COVID-19-bezogene Reiseanforderungen wie PCR-Tests und potenzielle Quarantänezeiten bedeuten, dass kurze Reisen an Wert verlieren und eine längere Reise rechtfertigen.

Slow Travel, noch ein Nischentrend, wird sich nach der Pandemie sicher durchsetzen. „Der Wettbewerb zwischen Nischen- und großen Reisevermittlern verschärft sich in diesem Segment bereits,“ erklärt Johanna Bonhill-Smith, Travel & Tourism Analyst bei GlobalData einen Trend, der das Zeug hat, Reisen und Urlaub neu zu definieren. 
Bewusster Genuss vor schnellem Konsum und Reisen ohne Hast und Eile – ganzheitlich, lebendig und nachhaltig. Sich selbst und der Umwelt zuliebe. 

b.charwat(at)manstein.at

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