07.01.2021

Die österreichische Lösung

Freitesten dürfen wir uns nicht, stattdessen soll es Eintrittstests geben. Warum das eine geht und das andere nicht, das muss man nicht verstehen. Aber so funktioniert das Land. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Österreich ist keine Insel der Seligen, sondern ein Kontinent der Kompromisse. Da darf keine politische Entscheidung getroffen werden, bevor nicht der Altlandeshauptmann, der aktuelle Landeshauptmann, der zuständige Landesrat, die Wirtschaftskammer, andere Kammern, Sektionsleiter, Klubobleute, Lobbyisten, wichtige Freunde, die Ehefrau, die Chefsekretärin ihren Sanctus gegeben haben. Jedem muss zumindest ein Bröselchen Erfolg zugestanden sein, dass sie darob trotzdem Hunger leiden wird vergessen. 

Der Kompromiss ist an sich ja nichts Schlechtes, nur sollte dieser das bestmögliche Ergebnis unter Berücksichtigung der Fakten in sich vereinen und nicht das bestmögliche Ergebnis möglichst vieler Interessen. Für die Praktiker bleibt da oftmals halt kein Platz.

Würden Sie etwa beim Bau eines Swimmingpools den Gusti-Onkel und alle nahen und fernen Verwandten nach ihrer Zustimmung fragen, einfach nur deshalb, weil die entweder so gerne im warmen Wasser planschen, gerade den Itsy-Bitsy-Teenie-Weenie-Honolulu-Strand-Bikini gekauft haben oder einfach nur bekannt dafür sind, zu allem eine Meinung zu haben? Oder wäre es doch klüger, auf die Experten der Baufirmen zu hören?

Das Eintrittstesten soll nun also das geplante Freitesten ersetzen, damit wir alle wieder Schlüpfer shoppen, beim Wirten ein Gulasch und ein Bier bestellen und nach einem langen Skitag im Bett eines 4-Sterne-Hotel schnarchen dürfen. Die Unterschiede der beiden Begriffe sind im Grunde nur marginal, wahrscheinlich nur auf Buchstabenebene, soweit man bisher erfahren konnte. Die Zustimmung wird wohl erfolgen, weil es endlich eine Lösung braucht, die hält und Planbarkeit ermöglicht. Niemand braucht jetzt eine Ruck-Zuck-Lösung, „zack, zack, zack“ ist hoffentlich Geschichte, aber den aktuellen Zick-Zack-Kurs ist jeder schon leid. Vom Impfplan rede ich da noch gar nicht. Für gute Kompromisse braucht es nicht zuletzt respektvolle Kommunikation, die ist irgendwo auf der Wegstrecke der letzten Jahre verloren gegangen.

Übrigens: Für die sogenannte österreichische Lösung gibt es sogar einen Eintrag bei Wikipedia, allerdings nur in deutscher Sprache. Verständlicherweise, denn anderswo wäre dieser sehr heimelige Zugang zur Bewältigung von Problemen oder Aufgaben nur schwer übersetzbar. Es ist höchste Zeit, dass wir etwas Neues ausprobieren.

t.schweighofer(at)manstein.at

 

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