27.11.2020

Die spinnen, die Römer!

Ob Frankreichs Hinkelstein-Ikone Obelix geahnt hatte, wie zutreffend sein Spruch noch werden sollte? Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Um es gleich vorwegzunehmen: An der zweiten Welle gibt es absolut nichts zu beschönigen. Sie traf uns – obwohl wir es hätten besser wissen können – völlig unvorbereitet, prallte mit voller Wucht in unser Leben, trieb die Infektionszahlen in unglaubliche Höhen, zeitigt eine erschütternde Mortalitätsrate und wird uns weiterhin streng fordern. Österreich liegt im Spitzenfeld eines unrühmlichen Rankings, andere Länder kommen glimpflicher davon.

Skifahren zu verbieten ist wie Weihnachten abzusagen

Nun forderte Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte, den Skiurlaub über den Jahreswechsel hinaus zu verbieten. Natürlich vergaß er bei dieser Forderung nicht darauf, auch den Paznauner Skiort Ischgl zu erwähnen. Der kühle Beamte, der im Zuge der Bekämpfung von Welle 1 im ganzen Corona-Wahnsinn zum Star der politischen Bühne Italiens aufgestiegen ist, mahnte in staatstragenden Worten zu noch rigiderer Vorsicht und warnte eindringlich vor einer bevorstehenden dritten Welle, sollte der Skiurlaub möglich sein. Eigentlich hätte man einen populistischen Sager dieser Art eher vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder erwartet. Entsprechend sauer wird der „Westentaschen-Franz-Josef-Strauß“ (© Helmut Schleich) sein, weil ihm Conte die Schlagzeile raubte. Schlimm genug, dass auch Deutschlands Kanzlerin sofort in den Chor der Skiurlaub-Verbieter einstimmte und ihre Forderung für geschlossene Lifte bis 10. Jänner bekräftigte.

Für uns Österreicher ist das ein Schlag ins Gesicht. Mag sein, dass die Ski-Destinationen von Alta Badia, Madonna di Campiglio, Sestriere, Cortina d’Ampezzo bis ins Grödner Tal einen urlaubswilligen Giuseppe Conte mit dem sprichwörtlichen nassen Fetzen aus ihren Dörfern jagen würden. Für uns ist diese Aussage jedoch ein Haken in die Magengrube. Ungefähr vergleichbar, als würde Papst Franziskus Weihnachten verbieten.

Sämtliche Sicherheitsmaßnahmen torpediert

Natürlich geht es um Kontaktbeschränkung. Aber was Österreichs Hoteliers, Wirte, Skiverleiher und Seilbahnunternehmen bislang schon auf die Beine gestellt haben, um sicheres Skifahren zu ermöglichen, davon können sie in anderen Ländern – auch in Italien – nur träumen. Gondeln werden mit Kaltnebel desinfiziert, Lifte nehmen nur ein Drittel der erlaubten Kapazität auf, zigtausende Spender animieren zu richtiger Händehygiene, in den Restaurants verschwand die Hälfte der Tische, Discos, Schirmbars bleiben geschlossen.

Sicher, es gibt überall Verrückte, denen diese Maßnahmen wurscht sind und absichtlich darauf pfeifen. Aber wenn der Regierungschef eines Nachbarlandes so ein Verbot fordert, dann fühlt man sich an jene EU-Sanktionen erinnert, als Wolfgang Schüssel eine Koalition mit den Blauen einging. Über die Bedeutung der damals verhängten Sanktionen lacht man heute vielleicht nur mehr. Jedenfalls meinte der damalige deutsche Außenminister Joschka Fischer, zunehmend angewidert über das immer wieder aufpoppende Thema: „Die Opernballfrage diskutieren wir heute nicht.“

Schuldenschnitt eingefordert

Die Motivlage Contes für diese Forderung ist klar. Er trifft Österreichs Tourismus maximal und den eigenen minimal. Denn der beginnt bei unserem südlichen Nachbarn so richtig erst zu Ostern, die wunderschönen Skiorte Norditaliens einmal ausgenommen. Die heimischen Touristiker und Politiker nehmen die abstruse Forderung relativ gelassen hin. Salzburgs Landeshauptmann Haslauer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, Walter Veit, Hotelier in Obertauern und ÖHV-Vize, will die Aussage gar nicht kommentieren. Lediglich SLT-Chef Leo Bauernberger spricht von „Populismus“, der nicht nach Mitteleuropa gehört. Und aus Tirol hört man gar nichts.

Es kommt aber noch eine „profunde“ Wortmeldung von südlich des Appenins und sie zielt auf die arg gebeutelte Wirschaft der drittgrößten Volkswirtschaft der EU. Laut Wirtschaftsforschern wird Italien mit einem Verschuldungsgrad von 160 bis 170 Prozent des BIP aus der Pandemie kommen. Damit schließen die Römer zu den Griechen auf. Nun hat der (italienische) Präsident des Europaparlaments David Sassoli diesbezüglich einen Vorschlag aufgewärmt, der eigentlich Thema für einen eigenen Kommentar wäre: Man möge doch ein paar hundert Corona-Milliarden Italiens ganz einfach streichen. Dabei schert es ihn kaum, ob dadurch EU-Recht gebrochen oder der Finanzmarkt vollends destabilisiert würde. Davon abgesehen wäre das der Weg schnurstracks in eine Transferunion, in der dann andere Länder für die Schulden Italiens blechen. Vielleicht hatte Obelix doch recht: Die spinnen, die Römer.

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