09.07.2022

Die subtile Macht der Farbe

Wohlbefinden hängt untrennbar mit Farben zusammen – oder es gibt nicht nur Weiß. Stammgast.Online sprach mit der Wiener Farbberaterin Claudia Schober.

Stammgast.Online: Frau Schober, Sie beraten neben Privatpersonen und Firmen auch Betreiber von Hotels, Appartements und großen Gemeinschaftseinrichtungen wie Pflegeheimen bei ihren Farbentscheidungen. Was darf man sich darunter vorstellen?

Claudia Schober: Ich bezeichne mich als „Sinnästhetikerin“ – ich höre ein Wort und sehe die Farbe dazu. Meine Aufgabe ist es, ein Farbkonzept zu erstellen, das den Erfolg eines Hauses garantiert, wenn es in Betrieb geht. Dabei lasse ich die Wünsche des Auftraggebers einfließen. Wichtig ist immer zu wissen: „Welche Philosophie steht dahinter?“ Am schönsten ist es, wenn die Bewohner, Besucher oder Gäste am Ende sagen, „da fühl ich mich wohl.“ Hirn und Herz müssen angesprochen worden sein.

Generell gilt – und das ist vom Objekt unabhängig – Farbthemen, die sich durchziehen, sind wichtig und gut. Egal, ob es sich um ein Spa, einen Berggasthof, ein Spital oder Pflegeheim, eine Firma, ein Geschäft oder um ein Büro handelt

Stammgast.Online: Warum sind Farben so wichtig? Wie viele Farben/Farbtöne gibt es?

Schober: Wohlbefinden hat immer etwas mit Farben zu tun. Deshalb sind Farben so wichtig in unserem Leben. Intellektuelle Erklärungen und psychologische Hintergründe für Farben sind umgebungsabhängig. Wichtig ist die Dosierung der Farbe. Zum Beispiel Weiß: Da hängt der Ton von der Beimischung anderer Farben ab, die den Weißton verändern. Es gibt gedecktes Weiß, Warmweiß, Kaltweiß, gekalktes Weiß – vor allem Licht spielt da eine enorme Rolle. Schlichte, weiße Wände können ein Statement sein. Wenn Bilder an weißen Wänden hängen, ändert das wieder den Raum als Ganzes.

Es gibt ca. 20 Millionen Farbnuancen. Ein Firmenlogo kann beispielsweise einen dunkleren Ton, als die Firmenfarbe haben. Es hängt immer von der Wahrnehmung im Raum ab. Man muss nuancieren, je nach Verwendung. Assoziationen sind wichtig. Nuancen werden entsprechend ausgesucht. Zur Veranschaulichung für die Kunden gibt es dann Probeanstriche sowie Renderings (Darstellung der Farbe im Plan) zur räumlichen Vorstellung der Farben.

Stammgast.Online: Sie haben zuletzt zwei große Projekte betreut, als Farbberaterin begleitet: Einerseits die Farbgestaltung des Malteser-Pflegeheimes in Wien Landstraße. Andererseits Chalets bzw. Ferienwohnungen in Bad Aussee. Was sind da die wichtigsten Aspekte? Inwieweit unterscheiden die beiden Projekte sich?

Schober: Zum Pflegeheim: Zuallererst habe ich mich mit den Bedürfnissen von sehr alten Menschen und Menschen mit Demenz gezielt auseinandergesetzt. Der alte Mensch ist noch nicht im Spital, es ist vielleicht sein letztes Wohnzimmer, er muss sich dort wohl und geborgen fühlen. Es gibt auch so was wie Farberinnerung, die der Orientierung dient. Deshalb Farbbänder, Fototapeten. Vertrautes in die Welt des Menschen einarbeiten. Das Gebäude befindet sich zum Teil in einem alten Kloster und teilweise wurde ein neuer Zubau geschaffen, die Farben müssen zusammenpassen aber auch den jeweiligen Räumen, der Umgebung entsprechen. Daher habe ich unterschiedliche Farbtöne für Alt und Neubau vorgeschlagen. Dennoch muss sich ein farbliches Gesamtkonzept durch alle Räume durchziehen, die Patienten leiten, den Mitarbeitern die Arbeit erleichtern, sie müssen gerne von Raum zu Raum gehen, sich auch wohl fühlen.

Bei der Farbberatung wurden auch die Mitarbeiter in für sie wichtigen Bereichen in den Planungsprozess mit eingebunden. Sie wurden bei der Dienstkleidung und den Handtüchern nach Farbpräferenzen gefragt.

Bei den Ferien-Chalets habe ich nicht nur die Farben und Materialien in Koordinierung mit dem Kunden ausgewählt, sondern auch die Küchen geplant. Auch in Bad Aussee wurde Altes mit Neuem verbunden und die Farben darauf abgestimmt. Das ist ein sich stets bewegender Prozess. Schließlich muss ja am Ende alles zusammenpassen, vom Kaffeehäferl über die Bettwäsche und den Handtüchern bis hin zu den Vorhängen. Und da gibt es wiederum für jede Wohnung einen eigenen Themenbereich, der zum Ort in Bezug steht, wie zum Beispiel zu den Narzissen in Bad Aussee oder der Namensgebung der Häuser – diese fließt wieder in die Beratung ein, da gibt es auch den „Platzhirsch“ oder die „Dirndlpracht“.

Zu beachten sind auch die Farbvorlieben oder Farbabneigungen des Auftraggebers. Es gilt das „Ins Boot Holen“ des Auftraggebers, auch bei Farbabneigungen. Kompromisse sind unerlässlich und immer notwendig – bei Materialien, Farbtönen, Anbietern – und letzten Endes auch in der Zusammenarbeit mit dem Kunden.

Stammgast.Online: Sie beraten auch Firmen, bzw. deren Mitarbeiter im Bereich Image und Auftreten. Was ist da besonders wichtig?

Schober: Es gilt das Gleiche wie für die Ausstattung eines Hauses. Der Mitarbeiter muss sich in dem von ihm getragenen Outfit, in seiner Dienstkleidung wohl fühlen und sich damit identifizieren. Er darf sich nicht verkleidet fühlen.

Stammgast.Online: Was kann man mit Farben als Unternehmen ausdrücken, am Beispiel der Dienstkleidung?

Schober: Ein farblich und materialmäßig gut gekleideter Mitarbeiter ist ein angenehm anzusehender Ansprechpartner für Gäste und Kunden, der 1:1 zum jeweiligen Haus passt. Wenn man sich wohl fühlt, tritt man anders auf. „Was ich anziehe, strahle ich aus!“ Die gute Stimmung im Outfit. Mein Vorschlag für Mitarbeiter: Der Smiley am Spiegel in der Mitarbeitergarderobe. Denn Lächeln vervollständigt den Farberfolg.

Ein Unternehmen kann den Firmennamen als Symbol und Farbe umsetzen – im gesamten Firmenbereich. Auch das kann meine Aufgabe als Farberaterin sein. Schließlich setzt sich die Farbe im gesamten Unternehmen fort, diese kann ein Leitfaden durch eine ganze Firma, ein Büro oder Geschäft sein – sozusagen vom Boden bis zum Dach.

Stammgast.Online: Stimmt es, dass neben dem Geruchs- und Geschmacksinn auch das bewusste oder unbewusste Wahrnehmen von Farben einen so großen Einfluss auf uns hat?

Schober: Ja, neben der subjektiven Bedeutung, also ‚mag ich oder mag ich nicht’, gibt es eine objektive Bedeutung der Farbe. Am Beispiel von Hotels mit Themenzimmern in Farbthemen: Jede Farbe weckt bei uns bestimmte Assoziationen, Hoffnungen und Träume. Gerade im Urlaub ist das eine schöne Möglichkeit, mit farblichen Aktzenten Erholung und Wohlfühlfaktor zu versprechen.

Anders ist es in Büros oder Besprechungszimmern, Veranstaltungsräumen: Hier kann Farbtongleichheit herrschen, nichts darf von dem Wesentlichen ablenken, alles passt zusammen, einheitlich und schlicht. Dennoch kann man z. B. mit bunten Stühlen das Konzept auflockern, die Stimmung verändern.

Stammgast.Online: Was geben Sie „farblich“ mit auf den Weg?

Schober: Farben machen Freude, Farben sind nicht nur Orientierung und Symbol, sondern wie Vitamine für den Menschen, sie erfrischen das Leben. Sie vermitteln Lebensfreude.

HGV PRAXIS-Autorin Martina Wenger führte das Gespräch mit Claudia Schober.

Infos unter Telefon: +43 699 108 94 598, E-Mail: info(at)schober-color-image.at

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