04.04.2022

Die Teigtascherl-Tante

In Willy Gastro-Wochenrückblick geht es diesmal um Teigtascherl, Missverständnisse und um ihre Vielfalt. Und um seine Oma!

Ja, letzte Woche ist es schon wieder passiert – die Soko Dim Sum ist ihrem untrüglichen Teigtascherl-Riecher gefolgt und hat nach vertraulichen Hinweisen der werten Nachbarschaft in einer kleinen Favoritner Wohnung eine illegale Fabrik ausgehoben. Was für ein Verbrechen – da ist sofort der Begriff Gammelfleisch im Spiel, da ist pauschal sowieso alles gleich verdorben und die, die die Teigtascherl fabrizieren, sind allesamt illegal hier und unterwandern unser ach so perfekt funktionierendes Arbeitsmarktsystem.

Da wird nicht nur medial verdammt, kriminalisiert und ausgegrenzt. Was selbstverständlich alle zu spüren bekommen, die Teigtascherl in jeglicher Form auf der Speisekarte haben. Egal ob es sich um Kärntner Kasnudeln, Tiroler Schlutzkrapfen, Schwäbische Maultaschen, Polnische Pierogi, Italienische Tortellini oder Ravioli, Slowenische Struklji, Spanische Empanadas, Russische Pelmeni, Pakistanische Samosas, Chinesische Wan Tan, Dumplings, Baozi, Jiaozi oder Xialongbao, Koreanische Mandu, Japanische Gyoza, Thailändische Khamom Jib, Ukrainische Wareniki, Türkische Manti, Amerikanische Pop Tarts, Tscherkessische Hambal oder El Salvadorische Purposas handelt.

Zeitsprung. Sowohl meine Oma als auch die Tante Tilly, die Oma vom Koholek, waren begnadete Köchinnen. Auch ihre Teigtascherl waren Sonderklasse und variierten vielfach, wurden aber immer nur „Gfüde Nudln“ genannt, egal was drin war, egal ob süß oder pikant. Wären die Behörden – und die Nachbarn – diesbezüglich damals schon so hysterisch wie heute gewesen, hätten sie meine Oma und Tante Tilly längst verhaftet und mir persönlich wäre der kochtechnische Zugang zu all diesen Köstlichkeiten verwehrt geblieben.

Selbtverständlich produzierten die beiden Damen in keiner Weise jene Mengen an Gfüde Nudln, wie die aktuellen Teigtascherlfabriken, aber es kam sehr wohl schon ab und zu vor, dass die heimischen Wirten um Kostproben anstanden, die Rezepturen gegen feine Mittagsmenüs für uns alle tauschten und auf diese Weise auch ihre eigenen Speisekarten bereicherten. So wurden also Omas und Tante Tillys Gfüde Nudln unter den unterschiedlichsten Namen den jeweiligen Gästen schmackhaft gemacht und nach Rezepturverrat unter vorgehaltener Hand zumindest landläufig weit verbreitet.

Wahrscheinlich kommt uns Reichenauern auch deshalb ein kulinarischer Ausflug in einschlägige Taigtascherlhochburgen zumeist asiatischer Provenienz in der großen Stadt so dermaßen desaströs vor. Was aber – zum Glück – nicht immer der Fall ist.

redaktion(at)hotelundtouristik.at

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