10.12.2021

Die Totengräber schwitzen schon

Nicht wegen der vielen Covid-Opfer, sondern weil das Zugrabetragen einer ganzen Branche anstrengender ist. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Über Corona ist eigentlich schon alles gesagt. Varianten hin oder her. Und ich kann Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, schon verstehen, wenn Sie sich beim Lesen dieser Zeilen denken „Ah, Corona – nicht schon wieder …“ Aber die Handlungen der letzten Tage verlangen, ja schreien geradezu danach, kommentiert zu werden. Eigentlich müssten bereits Sonderzüge voll mit Wirten Richtung Wien unterwegs sein, um mal Lauthals den Frust loszuwerden. Der mir bisweilen besonnen und kompetent wirkende Wiener Bürgermeister Michael Ludwig entschied, die Gastronomie nicht gemeinsam mit allen anderen am 13. Dezember zu öffnen, sondern eine Woche später. Mittlerweile muss er nicht einmal eine Begründung dafür nachschieben, weil man sowieso davon ausgeht, mit der Gastronomie alles machen zu können. Virenschleuder, Clustergefahr, Kontaktfreudigkeit, Kontrollentzug – nahezu jede Verantwortlichkeit wird den Wirtshäusern zugeschoben. Ohne einen Beweis. Ob sich tausende Kunden eines Shoppingcenters weniger der Gefahr aussetzen, sich zu infizieren, als Gäste an einem zugewiesenen Tisch, das muss mir mal jemand erklären. Dabei gelang es gerade Ludwig in dieser vierten Welle sein Profil zu schärfen. Warum er ausgerechnet bei der Gastronomie nun den Bad Cop spielt, ist mir schleierhaft.

Gastronomie ist der Politik egal

Oberösterreichs Landeschef Stelzer ist derselbe, nur mit anderer Mimik. Mit der gleichen Verbissenheit, mit der er sein Bundesland offenhielt, als die halbe Welt nur mehr den Kopf schüttelte, hält er es nun geschlossen. Jetzt sind ihm die Intensivstationen plötzlich heilig, deren Robustheit er vor Shutdown 4 noch lobte und die Dringlichkeit nach schärferen Maßnahmen abwiegelte. Würden diese Herren jemals ein Unternehmen verantworten, das nach betriebswirtschaftlichen Gesetzen funktionieren muss, na dann gute Nacht. Wo bleiben die viel beschworenen Schulterschlüsse mit der Wirtschaft? Die Beteuerungen: ist die Wirtschaft gesund, ist auch das Land gesund. Alles nur Schönwetterreden, alles Makulatur, wenn es ans Eingemachte geht. Anstatt von zehn eingenommenen Milliarden, türmen sich nun vier Milliarden mehr auf dem Schuldenberg. Ah scho wurscht, werden die sich vielleicht denken.

Gefährliche Trägheit

Die Wiener Cafetière Christina Hummel brachte es im ZiB-Interview auf den Punkt: „Das Weihnachtsgeschäft ist für uns gelaufen.“ Als Deko drosch sie mit Boxhandschuhen auf einen Sandsack. „Irgendwie muss ich mich ja fit halten“, lächelte sie verschmitzt. Die beabsichtigte Botschaft kam schon rüber.

Auch Hotelier Walter Veit wird nicht müde und fordert eine sofortige Öffnung von Gastronomie und Hotellerie. „Wäre Österreich ein Hotel, hätten wir die Pandemie bereits im Griff“, meinte er neulich in einem ORF-Interview. Das ist alles richtig und dennoch zu wenig. Bei einem meiner letzten Kommentare über die Politik antwortete mir ein Hotelier auf meine Verwunderung, warum die Proteste nicht lautstark artikuliert werden: „Wir haben schlichtweg keine Zeit dazu, weil wir troubleshooten müssen, um unsere Betriebe über Wasser zu halten.“ Das ist die Situation an der Front! – liebe Politik.

Dem Alter, an dem man noch an das Christkind glaubt, fühle ich mich zwar schon entwachsen, aber, wenn ich mir was wünschen dürfte: dass sich bei der nächsten Wahl die gesamte Tourismuswirtschaft daran erinnert, wie diverse Politiker die Coronakrise „gemanagt“ haben.

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