27.02.2022

Don’t be „hangry“

Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag – stimmt diese These auch heute im Zeitalter von Porridge, Overnight Oats und Chia-Samen noch? Die diplomierte Ernährungswissenschaftlerin Andrea Fičala über die Individualität des Frühstücks.

Was soll ein gesundes Frühstück enthalten, was nicht?
Andrea Fičala: Ich halte sehr viel davon, zu frühstücken, denn, wenn ich es schaffe, ein gutes Frühstück zu essen, bin ich einmal bestens versorgt. Dann kann in der Arbeit kommen, was will und ich habe einen Energiepolster. Was heißt gut: ein Anteil Stärkehaltiges wie Getreideflocken oder Brot, ein Anteil Proteinhaltiges wie Joghurt oder Hummus und immer ein Teil Gemüse und/oder Obst.

Es ist aber tatsächlich eine sehr individuelle Frage, ob wir unbedingt frühstücken sollten oder nicht. Wir verbrauchen in der Nacht Energie für die Aufrechterhaltung unserer Körperfunktionen und haben dann in der Früh einen Bedarf an neuer Energie. Wenn wir aber ohne Frühstück gut bis zum Mittagessen auskommen, ohne „hangry“ (hungry + angry) zu werden, ist es auch in Ordnung. Das Mittagessen sollte aber dann eben auch eine wertvollere Variante sein, als Schnitzel mit Pommes.

Die Wertigkeit des Frühstücks hat sich – vor allem im städtischen Bereich – sicher verändert, weil wir zu jeder Zeit Möglichkeiten haben, uns schnell zwischendurch und unterwegs zu versorgen. Ob das auch gut ist, sei einmal dahingestellt. Denn gerade das Schnelle ist oft nicht das Beste. Sich Zeit zum Essen zu nehmen, ist pure Selbstfürsorge.

Warmes oder kaltes Frühstück, Tee oder Kaffee – eine rein individuelle Entscheidung oder gibt es dazu ernährungswissenschaftlich begründete Präferenzen?
Rein ernährungsphysiologisch ist wohl das lauwarme Essen das Beste, weil der Körper weder Energie braucht, um der Kälte noch der Hitze im Bauch entgegenzuwirken. Empfindlichen Mägen rate ich jedenfalls von der Kombination „sehr kalt und koffeinhaltig“ in der Früh auf leeren Magen ab, das wäre der klassische kalte Energydrink, der als erster Morgenkick sehr beliebt ist. Hier können wir schnell ein Magengeschwür begünstigen, vor allem in Kombination mit Stress.

Ob Tee oder Kaffee ist Geschmackssache. Bis zu fünf Tassen Kaffee pro Tag sind in Ordnung, ich würde es nach oben hin aber nicht ausreizen. Je weniger wir davon trinken, umso mehr wirkt er auch, weil wir uns an das Koffein gewöhnen. Und Kaffee reizt durch seine Säuren die Magen-Darm-Schleimhaut.

Was sagt die Ernährungswissenschaft zu Champagner und Sekt zum Frühstück?
Ganz klar: eine Ausnahme, nicht die Regel.

Warum folgen viele Menschen beim Frühstück immer dem gleichen Speiseplan, während man zum Mittag- oder Abendessen die Abwechslung schätzt? Spielen hier Körper und Geist eine unbewusst entscheidende Rolle, indem sie klare Bedürfnisse vermitteln – was sagt die Ernährungsforschung zu diesem Phänomen?
Gewohnheiten sind hervorragende Energiespar-Maßnahmen unseres Gehirns. Deshalb sind wir wohl alle gewisse Gewohnheitstiere. In der Früh im Arbeitsalltag spielt dieser Faktor wahrscheinlich auch eine ganz große Rolle für Essensentscheidungen. Wir sind einfach müde und greifen gerne zum Altbewährten, ohne viel denken zu müssen. Um Neues beim Frühstück auszuprobieren, empfiehlt sich auf jeden Fall, alles so gut wie möglich schon am Vortag herzurichten. Und am Wochenende sind wir vielleicht auch experimentierfreudiger.

Reich bestückte Frühstücksbuffets oder das Frühstück nach Wahl serviert am Gast, wie beurteilen Ernährungswissenschaftler die Frühstücks-Kulinarik in der Hotellerie? Was sollte/könnte man aus Sicht der Experten anderes/besser machen?
Viele Unterkünfte bieten ein herrliches Frühstück an. Buffets sind natürlich ein absoluter Hingucker und sicher auch ein Pluspunkt für die Wahl des Betriebes. Aber Vorsicht: am Frühstücksbuffet erkennt man sofort auch die Qualität der Ware und es ist wichtig, regelmäßig optisch nachzubessern, wenn die Gäste hungrig darüber herfallen. Nichts ist schlimmer, als ein lieblos angerichtetes oder leergegessenes Buffet.

Ich würde ein verpackungsarmes Buffet als zeitgemäß ansehen. Das heißt, nicht lauter Kleinpackungen, sondern Gefäße zur Selbstentnahme bei Marmelade, Honig, Joghurt oder Milch. Das ist zwar ein Mehraufwand, wirkt aber ganz anders. Mein persönliches Grauen beim Frühstücksbuffet sind diese winzigen Kaffeesahne-Päckchen, die mich frustriert mit jeder Menge Tischabfall zurücklassen.

Bioqualität ist bei Milch und Milchprodukten preislich sehr gut umsetzbar. Gemüse und Obst – am besten aufgeschnitten – sind optisch und ernährungsphysiologisch sehr wichtig. Das Angebot an Wurst würde ich mir im Verhältnis etwas kleiner, dafür hochwertig wünschen, also zum Beispiel Beinschinken statt Salami oder Kantwurst sowie mindestens regionale Qualität.

Wie sieht Ihr Frühstück aus?
Ich esse im Arbeitsalltag gerne Porridge aus Hirse- oder Haferflocken mit Obst und Nüssen. Im Sommer ist es eher Brot mit Hummus und ein paar aufgeschnittenen Paradeisern oder Paprika. Am Wochenende ist es nach dem Ausschlafen ein ausgiebiges Zelebrieren mit weich gekochten Eiern und frischem Gebäck. Herrlich!

Danke für das Gespräch.


Zur Person

Mag.a Andrea Fičala absolviert in Wien das Diplomstudium der Ernährungswissenschaften. Einige Jahre ist sie in der Lebensmittelproduktion tätig, betreut die Produktionslinien, schreibt Speisepläne für die Gemeinschaftsverpflegung und begleitet die Unternehmen bei der Erreichung der vorgeschriebenen Qualitätsstandards.

Im Laufe der Zeit spezialisiert sie sich auf die Betriebliche Gesundheitsförderung, Schulungen in der Gemeinschaftsverpflegung und lebendige Ernährungsbildung für Jung und Alt. Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Umwelt (Ernährungsökologie) entwickelt sich dabei zu einem wertvollen Schwerpunkt.

Als ausgebildete Köchin möchte sie die „Kulturtechnik Kochen“ und den damit verbundenen Erwerb wichtiger Lebenskompetenzen und der Fähigkeit zur Selbstverantwortung fördern.

Ihre großen Leidenschaften sind neben der Kulinarik, das Arbeiten mit Menschen und das Gärtnern in der Stadt, vom kleinen Blumentopf bis zum Gemeinschaftsgarten.

www.andreaficala.at
info(at)andreaficala.at

Tel. 069917991755

Die umfassende Frühstücksstory finden Sie auch in der neuen Ausgabe der hotel&touristik essenz. 

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