10.10.2021

Dornenreiche Chancen

Wer jetzt Investition in seinen Betrieb plant, macht es richtig - wenn er denn kann. Der "ökosozialen Steuerreform" muss eine Neuaufstellung der Zukunftsförderung von Tourismusbetrieben folgen. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Ein Blick zurück in den März 2020: Da verkündeten Regierung, WKÖ und ÖHT einen Haftungs- und Überbrückungsrahmen von über 100 Millionen Euro für betroffene Tourismusbetriebe als erste wirtschaftsunterstützende Maßnahme nach Ausbruch der Pandemie. Ob das reichen wird, könne man aber noch nicht sagen, hieß es damals. Nun, einige Nuller mehr ist festzuhalten, es reichte nicht. Wer heute auf der Website des Tourismusministeriums Informationen zum Maßnahmenpaket für den Tourismus aufruft, könnte den Eindruck gewinnen, der Tourismus wird mittlerweile überunterstützt. Von Ausfallbonus über Wirtepaket bis Schutzschirm für Veranstaltungen gab und gibt es für unterschiedliche Bedürfnisse zielgerichtete Maßnahmen. Bis Sommer wurden laut Eco Austria rund 7,8 Milliarden Euro für Tourismusmaßnahmen aufgewendet. Das ist viel, im Branchenvergleich und mit Blick auf die Umsatzverluste in den einzelnen Branchenbereichen jedoch keine Überförderung.

Trotzdem, der Witz vom schlauen Hotelier oder Wirt, der sich durch Umsatzersatz, Ausfallbonus oder gar Kurzarbeit im Betrieb eine goldene Nase verdient hat – und einen schicken neuen Sportwagen dazu, ohne den kleinen Finger rühren zu müssen –, geht um. Er ist halt ein schlechter. „Es gibt einzelne Betriebe, die haben sich während der Krise saniert, die große Maße aber sicher nicht“, stellt dazu Florian Zellmann bei einem Tourismussymposium in Neufelden fest. Zellmann ist Leiter der Sonderförderprogramme bei der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank (ÖHT) und weiß genau, wie es um die Branche steht und wie wichtig Fördermaßnahmen zur unmittelbaren Rettung sind. 

Vor allem sind sie auch ein wichtiges Werkzeug zur Sicherung der Zukunft. Ein Best-Practice-Beispiel der Investitionsförderung sei etwa die Gastgärtenoffensive: Pro Antrag wurden durchschnittlich 25 Sitzplätze im Außenbereich neu geschaffen und damit ein Investitionsvolumen von je 41.000 Euro ermöglicht. Eine starke Tourismusförderung hat eine Langzeitwirkung und strahlt ins Umfeld: 60 Prozent der Investitionen, die ein Tourismus- und Freizeitunternehmen setzt, werden innerhalb von 60 Kilometern um den Investitionsstandort wertschöpfungswirksam. Die ÖHT hat jährlich für die ganze Branche jedoch nur ein äußert knapp bemessenes Förderbudget von knapp über 19 Millionen Euro zur Verfügung, dabei werden „Förderungen wieder mehr zum ‚Ermöglicher‘“, wie Zellmann betont. Denn bei steigenden Baukosten, sinkendem Eigenkapital, kürzeren Produktlebenszyklen etc. brauchen die Betriebe gerade jetzt die Möglichkeit, in ihre Zukunft zu investieren. Ansonsten sind die direkten Mitbewerber im nahen Ausland so viele Schritte voraus, dass uns beim Aufholen die Puste auszugehen droht.  

Wenn der Staat viele Milliarden Euro in die Hand nimmt, um die Branche zu retten, darf er auf halben Wege nicht damit aufhören. Strukturelle Probleme gab es schon vor der Krise, jetzt haben sie sich festgesaugt wie eine Zecke. Um die wieder ohne langfristigen Schaden loszuwerden, braucht es einen fitten Körper. Dazu ist ein deutlich höheres Budget gefragt, um Investitionen zu beleben, eine mutige Festlegung der Umsatzsteuer, Steuergerechtigkeit für mitarbeiterintensive Branchen, Maßnahmen zur Stärkung des Eigenkapitals und Ideen zur Attraktivierung der Branche für Mitarbeiter. Das alles und noch mehr ist notwendig, um den Pflegefall nicht zum Dauerpatienten zu machen.

t.schweighofer(at)manstein.at

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