24.12.2021

Dummheit hat keinen milden Verlauf

Fake oder Fakten? Wie sich das Beharrungsvermögen an „alternativen Fakten“ erklären lässt. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Wenn es in den bald zwei Jahren Pandemie eine Gewissheit gibt, dann die, dass nichts gewiss ist. Wie oft wurden Meinungen revidiert, wie oft wurde die Lage neu eingeschätzt? Die Corona-Mutante Omikron ist der neueste Beweis dafür. Ihr mit Vorsicht, vielleicht sogar mit Übervorsicht zu begegnen, ist richtig. Denn keiner weiß heute, wie bald eine vierte Impfung nötig sein wird – angepasst an die neue Variante. Keiner weiß, wie viele Ungeimpfte sich in den nächsten Wochen doch noch für die Spritze entscheiden werden; oder auch explizit entschieden haben, sich nicht impfen zu lassen.

Der vielzitierte „ideologische Riss“ zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten. Die Wissenschaft dringt mit Ergebnissen und Botschaften nicht mehr durch. Je nach Sichtweise sind „natürlich die Medien schuld“, weil sie Fakten verdrehen bzw. sowieso nur „tendenziös“ berichten.

Recht haben, um des Recht haben willens

Der Jesus-artig auftretende Fernsehphilosoph Richard David Precht sagte dieser Tage im Frühstücks-TV eines Privatsenders: „Die psychische Grundstruktur von Impfgegnern oder Wissenschaftsverweigerern besteht nicht darin, die Wahrheit herauszufinden, sondern Recht zu haben. Das sind zwei ganz unterschiedliche Motive. Und wenn es partout darum geht, Recht haben zu wollen und nicht zu versuchen herauszubekommen, was denn vielleicht wirklich objektiv ist, dann macht das Gespräch mit so einem Menschen keinen Sinn. Weil die Leute ein Problem mit ihrem Selbstwertgefühl hätten, wenn sie denn nicht mehr Recht hätten. Also ist das Nicht-Recht-Haben von Anfang an ausgeschlossen. Und deswegen gibt es auch keine Diskussion, die einen tatsächlichen Fortschritt haben kann. Also, wer wirklich so weit geht, dass er meint, das Virus ist erfunden oder meint, es wäre maßlos aufgebauscht, weil die Staaten sich in Diktaturen verwandeln wollen oder die chinesische Regierung oder Bill Gates stecken dahinter, der möchte nicht die Wahrheit wissen. Er gefällt sich in der Rolle zu denken, ich bin einer der ganz wenigen, die alles durchschaut haben, die andern sind alle dumm. Wer diese Meinung einmal bei sich verfestigt hat, dessen Selbstwertgefühl davon abhängt, Recht zu haben, der ist für Argumente nicht mehr zugänglich.“

Dumm ist eine Einstellung

Zum Thema „Dummheit“ hat die Linzer forensische Psychiaterin Adelheid Kastner (die unter anderem den Amstettner Inzest-Täter Josef Fritzl begutachtet hat) ein interessantes Buch geschrieben. Für sie ist „dumm“ keine Frage des IQ, es geht auch nicht darum, gut rechnen zu können oder Fremdsprachen zu beherrschen. Dummheit ist für sie vielmehr eine Frage der Einstellung. Es ist die Tendenz, Fakten zu ignorieren. Und im Sinne des kurzfristigen, unmittelbaren und scheinbaren Vorteils langfristige negative Folgen für sich und andere zu ignorieren. Dumme Menschen verstehen sich nicht als Teil eines Gefüges, für sie kommen immer nur die eigenen Belange an erster Stelle.

Man sagt ja, gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen, aber gibt es denn wirklich kein Rezept gegen Dummheit? Kastner: „Man muss Dummheit als Fakt anerkennen. Und sie immer einkalkulieren.“ Auch in Bezug auf die Corona-Pandemie vertritt die Gerichtspsychiaterin eine unverrückbare Position: „Die viel zitierte Eigenverantwortung – was heißt denn das? Es heißt: Ich schaue nur für mich selbst und nicht für die anderen. Das kann nur funktionieren, wenn ich als Eremit irgendwo völlig isoliert in einer Höhle lebe. Dann - von mir aus - bin ich für mich verantwortlich und für keinen anderen. Aber sobald ich in einen größeren sozialen Kontext eingebettet bin, ist dieses Unwort der Eigenverantwortung einfach ein völliger Blödsinn.

Dialog oder ergebnislose Monologe

Ob aus Kastners Sicht Corona-Impfgegner dumm sind? „Zu diesem Schluss muss man kommen.“ Und in Bezug auf die Dialogbereitschaft zwischen Impfbefürwortern und –gegnern liegt Kastner ganz auf einer Linie mit Precht, wenn sie meint: „Dialogbereitschaft ist zwar prinzipiell zu befürworten und eine gute Sache. Allerdings nur, wenn sie auf beiden Seiten vorhanden ist. Alles andere benennt man besser als das, was es ist, nämlich eine zweckbefreite und absehbar ergebnislose Kombination zweier Monologe, und spart sich Mühe, Ärger und Zeit, mit Menschen zu diskutieren, die das Recht auf eine eigene Meinung mit dem Recht auf eigene Fakten verwechseln. Es ist blauäugig zu glauben, man müsse den Dialog offenhalten. Die Regierung muss einfach entscheiden - und zwar auf der Basis der aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse.“

Warum sie der Wissenschaft glaubt, erklärt Kastner so: „Der Wissenschaft zu glauben, ist nicht dumm. Sie ist immer in Bewegung. Der aktuelle Stand der Forschung ist jeweils der bestmögliche Informationsstand, unterliegt aber laufend weiteren Veränderungen, weil die Wissenschaft ja immer neue Erkenntnisse gewinnt. Wissenschaft impliziert immer, dass die Dinge im Fluss sind und sich Positionen verändern.“

Dummheit hat Hochkunjunktur

Dummheit resultiert auch daraus, weil sich Menschen in vielen Bereichen Wissen und Fähigkeiten zuschreiben, die sie nicht haben. Kastner nennt das: „Die Dummheit hat Hochkonjunktur!“ Wenn die Waschmaschine kaputt ist, holt man mit größter Selbstverständlichkeit einen Fachmann. Aber bei deutlich komplexeren Themen sprudeln manche Leute nur so von Gewissheiten. Eine beliebte Spielwiese ist die Medizin, wo es heute von selbsternannten Fachleuten nur so wimmelt. Da werden gänzlich kenntnisfreie, „gefühlte“ Empfehlungen an den Mann und die Frau gebracht. Der Schriftsteller Charles Bukowski soll es so formuliert haben: „Das Problem ist, dass intelligente Menschen voller Zweifel sind, während die dummen voller Vertrauen sind.“ Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen.

In diesem Sinne und mit dem empfehlenswerten Buchtipp (Heidi Kastner: Dummheit, 128 Seiten, erschienen bei Kremayr & Scheriau) entlasse ich Sie in ein paar hoffentlich geruhsame Feiertage, und verschwenden Sie nicht zu viel Zeit gegen „dumme“ Menschen Argumente zu finden.

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